»Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung« ist ein genialer, bizarrer Spaß. Das Stück lebt von der »entschiedenen Weltsicht«, die der Autor ihm – laut Vorspann – mitgab. »Entschiedene Weltsicht« heißt: Grabbe stellt die Welt kurzerhand und mutwillig auf den Kopf. Was andere an großen und hehren Werten postulierten und hochhielten, Moral, Tugend, Glaube, Wissenschaft, Bildung, – all das entlarvt Grabbe als Auslaufmodell einer korrupten Gesellschaft und Auswüchse zopfigen Philistertums. Am dicksten bekommt es die Literatur- und Theaterwelt ab. Sie verkommt bei Grabbe zum abgrundtiefen Gespött. Das damalige Theaterrepertoire – in der Hauptsache seichte Rührstücke und romantisch-klischeehaften Opern – wischte der Autor mit einem Federstrich vom Tisch. »Scherz, Satire, Ironie« lebt von seinen zündenden theatralischen Effekten und der Absurdität seines Inhalts (ein Teufel wird von seiner Großmutter auf die Erde verbannt, weil in der Hölle Hausputz ist). Grabbe versteht sein Handwerk und hatte offensichtlich Spaß daran, anderen Dramatikern vor Augen zu führen, was es wirklich heißt, für die Bühne zu schreiben. Er schrieb so, wie nur jemand schreiben konnte, der ganz am Rande des Literaturbetriebs stand. Mit hoher Risikobereitschaft nahm er sich das Recht heraus, nach allen Seiten auszuteilen. Grabbe scheint kaum an eine Aufführung gedacht zu haben. Das Stück war anfangs wohl nicht mehr als ein Studentenspaß. Es entstand zunächst 1822 eine Lesefassung. Fünf Jahre später erschien die Erstausgabe im Rahmen der »Dramatischen Werke«. Die erste Aufführung fand 1876 im Rahmen einer Privatveranstaltung des Wiener Akademie-Theater statt. Auf die öffentliche Bühne gelangte es erst 1907.
Das Interesse an Grabbes Werk erwachte erst Jahrzehnte nach seinem Tod. Erstmals erschienen vollständige Ausgaben seiner Werke. In der Weimarer Republik setzte eine regelrechte Grabbe-Renaissance ein. Der zerrissene Grabbe wurde plötzlich als „faszinierend zeitgemäß“ empfunden. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Zweifellos war er die größte dramatische Begabung des biedermeierlichen Deutschland. Oft wird er als Ahnherr der Naturalisten bezeichnet. Die menschliche und literarische Affinität zum Zynischen, Grotesken, Outrierten blieb nicht ohne Einfluss auf Wedekind und die Expressionisten. Grabbes Neigung zur Szenenmontage nahm Bauformen von Brechts epischem Theater vorweg. Auch scheinen bei ihm bereits viele Momente des absurden Theaters auf. Heute wird Grabbes als Theaterrevolutionär gefeiert und sein Werk als bahnbrechend für die Entwicklung einer modernen Dramatik angesehen.
Tondokumente
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Wiglaf Droste und Harry Rowohlt audio/mpeg, 3 MB

