1801 Karl Gottlieb Horstig und Christian Ulrich von Ulmenstein: Westphälisches Taschenbuch.

Seit etwa 1800, vor allem aber in der Biedermeierzeit, wurde das Taschenbuch zu einer beliebtesten Publikationsform. Eine zunehmende Leserschaft entdeckte die literarische Kleinform, das mannigfache poetische Allerlei. Literarische Leistung trifft man in den Taschenbüchern kaum an. Wichtiger war oft die Einkleidung, das schöne Gewand. Schmuckvoll gestaltetete Einbände und Titelkupfer ließen das Herz des Lesers, der oft gleichzeitig auch Autor war, höher schlagen. In den Vorworten der westfälischen Taschenbücher klingt viel vaterländisches Pathos an. Oft wird aber auch der Befürchtung Ausdruck verliehen, dass dem Buchprojekt kein verlegerisches Glück beschieden sei. Wohl auch deshalb wandten sich viele Taschenbücher und Almanach an ein spezielles regionales Publikum, was dann in der Titelgebung seinen Niederschlag fand (etwa beim »Driburger Taschenbuch«, »Musenalmanach aus Rheinland und Westphalen« oder den »Producten der Rothen Erde). Später renommierten Autorinnen und Autoren wie Annette von Droste-Hülshoff oder Ferdinand Freiligrath boten solche Organe eine frühe Publikationsmöglichkeit. Als Beispiel für ein frühes westfälisches Taschenbuchprojekt sei hier Horstig/Uhlmensteins »Westphälisches Taschenbuch« herausgegriffen. In seiner Vorrede greift es pointiert die für Westfalen fast sprichwörtliche Missachtung der Künste auf:»Aus Westfalen kommst du, dem Lande der Schinken und Würste? / Armes Taschenbuch, du! / Wie wird es dir wohl ergehen? / Kann aus Westphalen, dem feisten und wohlernährten Lande, / Etwas kommen, was noch mehr als Körper verspricht? / Sind da die Menschen auch Mensch? / Sind’s nicht vielmehr Trogloditen, / Ichhyophagen und wie sonst man die Untiere nennt / Die an den Ufern der Seen Noräste und Sümpfe durchwaten, / Oder in Hütten versperrt, dulden den schrecklichsten Qualm, / Gleich den Wilden am Feuer sich braten, / lebendig sich räuchern, / Und auf Klumpen von Holz wandeln durch grundlosen Moor? / Hat nicht Hoche uns do die Saterländer beschrieben? / Und ist Friesland nicht auch von Westphalen ein Theil? / Jenes Land, wo die Ochsen und Kühe so trefflich gedeihen, / Daß der Nachbar sie sich öfter als Bücher verschreibt. / Läuft der bescheidne Strom der Weser nicht auch durch Westphalen, / Der keinen einzigen Verse einer Xenie gönnt? / Haben nicht Voltaire und Bar mit unerbittlicher Strenge / Ewigen Fluch und Bann auf Westphalen gelegt? / Dreimal seliges Land, schon jetzt beglückt und gesegnet, / Doch beglückender dereinst, wenn du dein Glück recht erkennst, / Neid den glänzenden Reichtum nicht den benachbarten Ländern, /Glänzender ist er zwar, aber größer doch nicht…/ Gehe denn, Büchlein! erzähle dem forschenden Ohre des Lesers, / Daß bei Westphälingern auch Glück und Zufriedenheit wohnt!«

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