Annette von Droste-Hülshoff zufolge wurde der Name Friedrich Leopold von Stolbergs (1750-1819) in Westfalen noch 1841 wie ein Talisman gehandelt, während er anderswo bereits in Vergessenheit geraten sei. Dieser Ruf gründete sich in Westfalen weniger auf Stolbergs Vergangenheit als klopstockbegeisterter Oden-, Hymnen-, Balladen- und Romanzendichter im Umkreis des »Göttinger Hain« und Goethes als vielmehr auf seine in Münster vollzogene Konversion zum Katholizismus, die in ganz Deutschland für Aufsehen sorgte und zahlreiche Schmäh- und Streitschriften hervorrief. Der Übertritt leitete eine neue Epoche – die des Erbauungsdichters – in Stolbergs Schreiben ein. Sein populartheologisches Hauptwerk war die auf Anregung der familia sacra, des Kreises um die Fürstin Amalie von Gallitzin, entstandene Geschichte der Religion Jesu Christi (15 Bände, 1807-1818), die als Konversionsschrift weithin wirksam wurde.Die Renaissance der Schriften des strengen Moral- und Sittenrichters Stolberg fügten sich in eine politische und mentalitätsgeschichtliche Restauration ein, die das literarische Klima Westfalens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wesentlich prägt. Inmitten eines Jahrzehnts schwelenden Religionskonfliktes – der Übergang an das protestantische Preußen (1803, 1815) hatte der katholischen Fraktion schwer zu schaffen gemacht suchte man nach neuen Stützen für eine innere Erneuerung und fand diese bevorzugt auch in der religiösen Literatur. Der Konflikt eskalierte 1837 im sog. Kölner Ereignis und führte sogar zu Gewaltaktionen gegen die preußischen »Besatzer«. Ein Thema, das immer wieder für Zündstoff sorgte, war das der katholisch-protestantischen Mischehen. Und so nimmt es nicht wunder, das 1840, nach dem Tode Overbergs, ein Gemeinschaftswerk Overbergs und Stolbergs mit dem Titel erschien »Zusprache an Mädchen, welche sich mit einem Protestanten verloben wollen«. Das von Stolberg mitinitiierte Erstarken religiöser Literatur in der westfälischen Buchproduktion der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde von Autoren und Autorinnen wir Melchior von Diepenbrock, Christoph Bernhard Schlüter, Luise Hensel und Annette von Droste-Hülshoff fortgeschrieben.
Tondokumente
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Geschichte der Religion Jesu Christi audio/mpeg, 14 MB
