1858 Luise Hensel: Gedichte

Ihre »Gedichte«, zuerst mit Gedichten ihrer Schwester Wilhelmine (s. unten) vereinigt (hrsg. von Kletke, Berl. 1858), zeichneten sich hauptsächlich durch den Geist milder, inniger und sehnsüchtiger Frömmigkeit aus; ihr Abendlied »Müde bin ich, geh' zur Ruh'« zählt zu den Perlen der deutschen religiösen Lyrik. Einer vollständigen Sammlung der »Lieder« (hrsg. von Schlüter, Paderb. 1869; 6. Aufl. 1886) folgten: »Briefe der Dichterin Luise H.« (das. 1878) Es ist bezeichnend, daß viele Vertreter der religiösen Dichtung Westfalens miteinander in Beziehung standen. Luise Hensel (1798-1867), Verfasserin religiöser Erbaungsdichtung und des volkstümlich gewordenen Abendliedes »Müde bin ich, geh’ zur Ruh’«, trat zwar erst 1858 mit einem eigenen Gedichtband auf (»Gedichte von Luise und Wilhelmine Hensel zum Besten der Elisabeth-Stiftung in Pankow«), beteiligt sich aber schon in den 1830er und 1840er Jahren an Zeitschriften, die dem Katholizismus nahestanden. In Diepenbrocks »Geistlichem Blumenstrauß« war sie unter den Initialen »L.H.« gleich mit 39 Gedichten vertreten[i] Wie die gesamte katholische Fraktion war sie antiliberal gesinnt. In ihrem Gedicht »1848« heißt es: »Und mein Volk läßt sich betören, / Eilt zu jeder Schenke hin, / Wo der Hölle Weisheit lehren / Buben mit dem Flaum am Kinn.« Luise Hensels (1798-1867) schlichte Gebetsverse »Müde bin ich, geh zur Ruh’« sind noch heute bekannt. Die Verfasserin religiöser Erbaungsdichtung beteiligt sich in den 1830er und 1840er Jahren an Zeitschriften, die dem Katholizismus nahestanden. Die 1798 in Linum bei Fehrbellin in der Mark Brandenburg geborene Dichterin wuchs in einem protestantischen Pfarrhaushalt auf. In Berlin verkehrte sie in einem literarischen Zirkel, den auch E.T.A. Hoffmann und Adalbert Chamisso besuchten. 1816 lernte sie Clemens Brentano kennen, dessen Heiratsanträge sie abwies. 1818 konvertierte sie zum Katholizismus – ein tiefer, von ihr geheimgehaltener Einschnitt in ihrer Biographie. Es folgten zahlreiche weitere Lebens- und Wanderstationen, bevor die Autorin 1879 in Paderborn starb. »Ohne die Religion wäre ich gewiß dem Wahnsinn oder dem Selbstmord anheimgefallen« – diese Selbstaussage Luise Hensels aus dem Jahre 1833 führt zur »verwickelten Psychologie« dieser Frau hin, die in manchem nicht in ihre Zeit zu passen schien. In der späteren Deutung ihrer Person, zum Teil in klischeehafter Unausgegorenheit, Vieles: die Schwärmerin, die Emanzipierte, die Exaltierte, die nonnenhafte Gottsucherin, die von Seelenqualen Gepeinigte, die Dichterin von Gedichten und Liedern Der Besuch des Romantikers Clemens Brentano (1778-1842) bei der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick (1774-1824) in Dülmen blieb literarisch nicht ohne Folgen. Der Besuch zog sich aber fast sechs Jahre bis zu ihrem Tod hin. Den ständigen Gedankenaustausch mit der Augustinerin des Klosters Agnetenberg, die ihm ihre Geschichte und Visionen anvertraute, hielt Brentano tagebuchartig auf 12.000 (!) Folioseiten fest. Erst 1833 veröffentlichte Brentano – dichterisch ausgeschmückt – den dritten Teil unter dem Titel »Das bittre Leiden unseres Herrn Jesu Christi. Nach den Betrachtungen der gottseligen A. K. Emmerick«, eine religiöses Volksbuch, das weite Verbreitung fand.


[i] Die Verbindungsfäden verliefen hier über Clemens Brentano. Sein Aufenthalt und Zusammentreffen mit Luise Hensel bei der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick (1774-1824) in Dülmen hatte dazu geführt, daß die eben selbst konvertierte Seelenfreundin des Dichters aus Berlin nach Westfalen übersiedelte und in den geistlich-literarischen Kreisen in und um Münster heimisch wurde. 1819 war Bernard Overberg ihr „Seelenführer“. Luise Hensels lyrisches Werk wird heute zu den bedeutendsten deutschen religiösen Dichtungen gezählt, geprägt durch die Verbindung von Pietismus und Romantik, innerer Meditation und Gefühlstiefe.

Tondokumente

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  • sursum corda audio/mpeg, 1 MB
  • Rastlos audio/mpeg, 931 KB
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