Lulu von Strauß und Torneys (1873-1956) ist noch heute als Balladendichterin bekannt. Ihre zahlreichen Westfalenromane sind hingegen in Vergessenheit geraten. In ihrer Zeit waren sie freilich vielgelesen. Sie sind ein getreuer Spiegel literarischer Zeitgeschichte. Thematisch spielen sie vornehmlich im Bauernmilieu und behandeln menschliches Schicksal. Bestimmende Themen sind Heirat, Erbe, gesellschaftlicher Status und wiederholt religiöse Konflikte. »Blut« und »Erbe« bestimmen das Schicksal des Einzelnen. Nicht zuletzt deshalb wurden die Romane im Nationalsozialismus als »gestaltetes Volksschicksal« gerühmt. Als Ehefrau des Verlegers Diederich förderte die Autorin zudem die Verbreitung nationalsozialistischen Schrifttums. Der hier exemplarisch vorgestellte Erzählung »Bauernstolz« wurde als »kraftvolle, lebensechte Bauernnovelle« bezeichnet. »Hof am Brink« (1906) schildert den Dreißigjährigen Krieg in Bildern grausiger Verwilderung, während »Auge um Auge« (1909) von einer Bauernrache während der französischen Besatzungszeit handelt. All diese Werke sind letztlich Ausdruck der Heimatverbundenheit und Volksnähe der aus Bückeburg gebürtigen Autorin, die literaturgeschichtlich als Vertreterin des »naturalistischen« Bauernromans fungiert. Neuromantische Sehnsucht nach einem harmonischen, naturnahen Leben steht einer entseelten industriellen Welt gegenüber.
Tondokumente
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Bauernstolz audio/mpeg, 13 MB