Wenn Erich Grisar vom Ruhrgebiet erzählt, steht der Realismus und nicht nostalgischer Schmelz im Vordergrund. Seine Alltagsgeschichten besitzen durch ihre Ungekünsteltheit eine anrührende Plastizität. Die Erzählepisoden sind durch ihre dokumentarische Perspektive Musterbeispiele für jeden Geschichtsunterricht. Der Autor wurde 1898 in Dortmund als Sohn eines Fabrikarbeiters geboren. Er arbeitete in Maschinenfabriken, Hüttenwerken und im Brückenbau. Später war er Bibliothekar in Dortmund. Grisars Lyrik steht zunächst dem Expressionismus nahe, dessen pathetischen Sprachgestus er weitgehend übernimmt. Die Entwicklung führt vom expressionistischen »Oh-Mensch«-Pathos zu einer eher beschreibenden Sachlichkeit. Ein Hauptthema ist die soziale Anklage vor dem Hintergrund unmenschlicher Lebens- und Arbeitsbedingungen in den hochindustriellen Ruhrstädten. Im Einleitungstext des Lyrikbandes »Bruder, die Sirenen schrein!« (1931) heißt programmatisch unter der Überschrift »Der Dichter«: »Ich will euch keine Lieder singen / von rotem Mohn und Liebesseligkeit, / die eure Seelen weich durchschwingen, / solange es in meinem Herzen schreit // vom Leid der Armen, die zu Millionen, / verdreckt, verlaust, auf dunklen Straßen stehn, / indes die Bürger, die im Lichte wohnen, / auf nichts als ihren Geldsack sehn.«Auch in seinen Reportagen »Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa. Bilder und Berichte« (1929) entfaltete Grisar einen nüchtern-sozialkritischen Beobachtungsstil. In seiner erzählenden Prosa entwickelte er, zumeist humorvoll, »kraftvolle Charakterporträts aus dem Arbeitermilieu, die in eine zum Anekdotischen tendierende Darstellung eingebunden sind.« Die Erzählungen und Romane Grisars sind mit Recht als »sehr treffende Bilder aus dem Kohlenpott« bezeichnet worden. Aus ihnen spricht als ein Grundmotiv seines Werkes die »Liebe zur Heimat trotz alledem«. Grisar in einem Selbstzeugnis: »Ich hoffe, dass meine Arbeiten sich einen Platz in der sozialen Literatur sichern, und halte mich im übrigen daran, die Gefühle und Stimmungen der Klasse, der ich entstamme, zu gestalten. Einmal, dass der Klassenfremde den Arbeiter versteht, zum anderen, dass der Arbeiter Klassenbewusstsein, ja Klassenstolz bekomme.«
Tondokumente
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Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa audio/mpeg, 20 MB