Der Büchner-Preisträger Peter Rühmkorf ist, was nur wenig bekannt ist, in Dortmund geboren. Dieser Umstand prädestinierte ihn als Preisträger für den Annette von Droste-Hülshoff-Preis. Bei der Entgegennahme des Preises 1979 im Sauerländischen Olsberg hielt der Autor eine bewegende Dankrede, die so großen Anklang fand, dass sie später als Sonderdruck veröffentlicht wurde. Es war eine offene, sympathische Rede, in der er nicht etwa salopp und flapsig das Kuriosum der Preisvergabe auf die Schippe nahm. Er merkte zwar augenzwinkernd an, dass die Auszeichnung seine Identität in einer Tiefe und Frühe berühre, die er gar nicht für möglich gehalten habe, er sei nun so etwas Kurioses wie ein »geborener Wahlwestfale«; der Hauptteil seiner Rede aber bestand aus ernsthaften und nachdenklichen Reflexionen über seine früheste Lebensphase, die »scheinbar, aber doch gewiss nicht grundlos« mit Westfalen zu tun gehabt habe. Einige Jahre zuvor hatte Rühmkorf in seiner Autobiographie »Die Jahre, die ihr kennt« noch eher frech posaunt: »Geboren am 25. Oktober des Jahres 1929 als Sohn der Lehrerin Elisabeth Rühmkorf und des reisenden Puppenspielers H.W. (der Name ist dem Verfasser bekannt) in Dortmund. Die Stadt soll ruhig mal was springen lassen.«Rühmkorf nutzte die Rede zu einer ergreifenden Rückschau, in der er vor allem auf die Notlage seiner Mutter einging. Die Pastorentochter hatte, gesellschaftliche Ächtung fürchtend, ihr uneheliches Kind nicht im niedersächsischen Ottendorf zur Welt bringen wollen und deshalb das westfälische Exil gewählt. Dazu hatte sich die junge Religionslehrerin ein Jahr beurlauben lassen. Anschließend ließ sie ihren Sohn amtlich zu ihrem Adoptivsohn erklären. Rühmkorf: »Eine Gespensteraufführung aus Mutterliebe und bürokratische Camouflage nebst den erforderlichen Persilscheinen, und dass mir der Name meines wirklichen Vaters bis zum meinem 16. oder 17. Lebensjahr verborgen blieb, wird schon das Seine dazu beigetragen haben, dass ich mir eine eigene Herkunft immer wieder neu erdichten musste« – so Rühmkorf in dem 2004 erschienenen Bildband »Wenn ich mal richtig ICH sage«.
Tondokumente
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Olsberger Rede audio/mpeg, 22 MB


