Schöngeistige Literatur hatte es in Westfalen lange Zeit schwer – böse Zungen behaupten gar, dass sich daran bis heute nichts geändert habe. Die Buchkultur war bis weit ins 19. Jahrhundert hinein von wissenschaftlichem und theologischem Schrifttum dominiert. Auch gesellschaftlich war »Schöngeisterei« verpönt. Seitens der Schriftsteller hören wir nichts als Stoßseufzer. Schon Anton Mathias Sprickmann klagte: »Doch hier, wo zärtliches Gefühl / Noch nicht in wilden Herzen wohnet,/ Wo Dummheit ungestört noch thronet,/ Was hilft mir hier mein Saitenspiel?« Er trug sich sogar mit Fluchtplänen und wollte bis nach Amerika oder Tahiti auswandern. Das Schicksal seines Schülers Friedrich Raßmann zeigt, wie schlecht es um die Entwicklung der literarischen Kultur in Westfalen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bestellt war. Trotz unermüdlichen Arbeitseifers und einer Vielzahl literarischer Projekte fristete er ein kümmerliches Dasein und lebte am Rande des Hungertods. Franz von Sonnenberg hielt seinen Landsleuten vor: »Wollt ihr denn ewig in euren Sümpfen und Sandwüsten mit thiergleich nach Futter gebeugtem Kopfe, um nur voll zu fressen, durch die Dünste des Aberglaubens und die Nebel der Mönchsdummheit herumschleichen, und nie einen Atherzug aus höheren Regionen schöpfen? Ist Fressen und Goldhäufen denn das Paradies eures Herzens, das Heimweh eurer Wünsche? Wollt ihr denn ewig Geistesgabe und alles Große in Wissenschaft und Kunst, alles in kaufmännischem Bagatellgeiste, nur nach Maaß und Elle messen und schätzen? Alles zur Handwerkerei herabwürdigen?« Kaum freundlicher äußerte sich Justus Gruner 1802 in einer Bestandsaufnahme über die »sittlichen und bürgerlichen Zustände Westfalens am Ende des 18. Jahrhunderts« mit dem bezeichnenden Titel »Meine Wallfahrt zur Ruhe und Hoffnung«. – An solcher Schriftstellermisere scheint sich, wie die Briefe der Droste zeigen, in den nächsten Jahrzehnten nur wenig geändert zu haben. Sie selbst meinte: »Es ist seltsam, wie man an einem Orte hier in Oberdeutschland, Sachsen et. cet., so gut angesehn und zugleich an einem andern (Westfalen) durchgängig schlimmer als übersehen sein kann! Ich muß mich, mehr als ich es selber weiß, der schwäbischen Schule zuneigen. »Freiligrath fühlte sich im »grauen, öden Susatum« (Soest) nur so lange wohl, bis er das weltstädtische Amsterdam kennenlernte und dort eine lyrisch produktive Phase erlebte. Nach Soest zurückgekehrt, erlahmte seine Schaffenskraft, und er ging mit der Stadt hart ins Gericht, die ihm nun als »altes Nest« zuwider war. Er sehnte sich nach einer »großen Stadt, deren Vorzüge man fühlt, wenn man nicht drin ist«. – Christian Dietrich Grabbe und Georg Weerth bedachten ihre Heimatstadt Detmold mit den übelsten Schimpfvokabeln. Besonders Grabbe: Er fühlte sich zu langjährigem Detmold verurteilt: »Bin… nach dem tristen Neste gestürzt, in welchem ich jetzt sitze und dessen Namen ich vor Ingrimm kaum ausschreiben kann…« Oder: »In diesem Detmold, wo ich abgeschnitten von aller Literatur, Phantasie, Freunden und Vernunft bin, stehe ich … am Rande des Verderbens. Ich muß fort…«So geht es weiter. Ebenso wie Levin Schücking und Peter Hille verließen auch die Brüder Julius und Heinrich Hart Münster. In seiner biographischen Reminizenz »Wir Westfalen« blickte Heinrich Hart auf seine Jugendzeit in Münster zurück. Dort nennt er auch die Beweggründe für seinen Wegzug nach Berlin: »Unter solchen Umständen war es kein Wunder, daß mit der Zeit der Schauplatz Münster sich für unser Wollen und Trachten zu eng erwies. Wir sehnten uns nach größeren und freieren Verhältnissen, die neue Reichshauptstadt wirkte schon lange wie ein Magnet auf uns.« Ferner heißt es: »Das alte Münster und das neue Berlin. Die räumliche Entfernung überwindet man heute mit einer Eisenbahnfahrt von acht Stunden. Die geistige zu durchmessen, dazu war noch vor einigen Jahrzehnten eine Weltreise nötig, die durch Jahrhunderte geistiger Entwicklung, über strombreite Trennungen im Kulturempfinden, über kaum überbrückbare Gegensätze der Weltanschauung hinwegführte.«