2006 Michael Klaus: Totenvogel, Liebeslied

Ein Buch wie ein Film, in dem der Tod vorkommt und allmählich alles überschattet. Es spielt in Gelsenkirchen, Amsterdam, in südlichen Urlaubsorten, in Berlin und zum Schluss nur noch in Krebs-Kliniken. Hauptfigur ist ein Schriftsteller, Anfang bis Mitte 50, der chronischen Ärger mit seinen Finanzen hat, nach jahrelanger unglücklicher Ehe seine Frau verlässt und in der zwanzig Jahre jüngeren attraktiven Insa eine adäquate Lebenspartnerin findet. Die neue Liebe beweist ihre ganze Stärke, als es hart auf hart kommt. Durch Zufall stellt sich heraus, dass der Erzähler an Krebs leidet. Er erfährt dies – in typisch Michael-Klausscher Erzählmanier – nicht beim Arzt, sondern auf einer privaten Orgie, in deren Verlauf dem Erzähler-Ich ein Hemdärmel abgerissen wird. Ein Hautarzt in Sado-Maso-Kleidung zeigt plötzlich auf seinen Arm: »Hast du das schon lange?« Noch in der Nacht schneidet er dem Erzähler ein Muttermal aus dem Arm.Eine Horrordiagnose reiht sich an die nächste. Die Hoffnung auf schnelle Heilung erweist sich als Trugschluss. Nach und nach stellen sich am ganzen Körper neue Krankheitssymptome ein. Wann immer Hoffnung aufkeimt und eine ärztlicher Befund Gutes verheißt, folgt der Rückschlag auf dem Fuße. Zunächst müssen zwei Rippen operativ entfernt werden, dann ein Gesichtstumor, schließlich ein Hoden. Der Beziehung zwischen dem Erzähler und Insa kann das alles nichts anhaben. Im Gegenteil: Die Krankheit schweißt beide untrennbar zusammen – so sehr, dass die Frau ihren Mann sogar bittet, sie umzubringen. Der Satz »Bis das der Tod euch scheidet« erlangt eine neue Dimension.Nach der Diagnose gleicht das Leben beider einer Achterbahnfahrt mit fortwährenden Ups and Downs. Eifersucht, Koketterie, Erotik – es fehlt nicht an Zutaten einer turbulenten Love-Story. Doch dann drängt sich wieder das Tagebuch der Krankheit unerbittlich in den Vordergrund. Ein Wechselbad der Gefühlt, auch für den Leser. »Live for the moment« wie im Schlager, lautet die Botschaft.»Totenvogel, Liebeslied« ist, wie alle Bücher von Michael Klaus – zu nennen wären zahlreiche Lyrik- und Satirebände, Erzählungen und auch Jugendbücher, – ein radikales Buch. Erneut steht ein Einzelgänger und Individualist im Zentrum der Handlung, jemand, der schon durch seinen Beruf als Schriftsteller für die Außenseiterrolle prädestiniert ist. Und auch das, was wir an Michael Klaus’ Texten so schätzen: seine einzigartigen Schilderungen kaputter Welten und gestrandeter (gleichwohl sensibler und sympathischer) Typen (die letzten Abenteurer dieser Welt, die den Underground Gelsenkirchens auf ihren seltsamen Trips gleichsam durchpflügen) scheint wieder auf, wenngleich in tragikomischer Konstellation. Das Aberwitzige an Klaus’ Roman ist: Er hat – trotz allem – Humor, sarkastischen zwar, aber das Erzählte ist wunderbar pointiert. Im Grotesken, im toten Winkel sozusagen, treibt der bizarre Witz sein Spiel, manchmal auch rabenschwarzer Komik. »Totenvogel Liebeslied« ist deshalb kein Betroffenheitsbuch. Es ist vielmehr ein Roman über das pralle, unberechenbare und eben deshalb oft so grausame Leben. Vor allem aber ist »Totenvogel Liebeslied« ein Roman über die Liebe, anrührend erzählt und doch ohne jede Sentimentalität. Was zuletzt bleibt, ist ein Existentialismus, der dem Leser schlaflose Nächte bereitet, weil er so irritierend daherkommt, so halt- und bodenlos.

Galerie