Ralf Rothmann stammt zwar nicht aus Westfalen, aber seine Texte haben viel mit der hiesigen Region zu tun. Für seine Beschreibung der untergegangenen Industriekultur des Ruhrgebiets wurde der Autor mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Von den sieben Romanen Rothmanns spielen vier im Ruhrgebiet. Sie können nur dort spielen, weil ihre Handlung fest in dieser Gegend und ihrer spezifischen Soziokultur verankert ist. So viel Lokalbezug trug mit dazu bei, dass Rothmann 1996 mit dem Literaturpreis Ruhrgebiet ausgezeichnet wurde. Zahlreiche weitere Preise folgten, zuletzt der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis (2004), Heinrich-Böll-Preis (2005) und Max-Frisch-Preis (2006).Mit »Milch und Kohle« legte Rothmann 2000 seinen dritten Roman über das Ruhrgebiet vor. Es war sein bis dahin wichtigstes Buch. Rothmann wurde zu einem Kandidaten überregionaler Literaturpreise, es gelang ihm endgültige der Durchbruch. In »Milch und Kohle« kämpfen Menschen um »Wege aus dem Dunkel«, wie es im Klappentext heißt. Das Dunkel sind die die bedrückenden Arbeits- und Lebensverhältnisse im Revier der spätsechziger Jahre. Der Vater des Protagonisten ist Hauer unter Tage und sagt: »Nur eine Stunde müßtet ihr mal da runter. Gestern bis zum Bauch im Wasser. Nie ein Stück Himmel.« Pflichtbewusst fährt er zur Zeche – und trauert dem Leben als Melker in Norddeutschland nach, das er seiner Frau zuliebe aufgegeben hat. Eines Tages bringt der Vater Kumpel mit nach Hause, Gino und seine Freunde. Die Mutter verliebt sich in einen gutaussehenden Italiener. Dem drohenden Unheil entzieht sich Simon, indem er mit seinem Freund Pavel die Gegend durchstreift und pubertäre Abenteuer erlebt. »Milch und Kohle« zeichnet ein Bild derer, die nicht herausfinden aus Enge, Angst und Not – und doch – wie das Erzähler-Ich – durch ihre eigenen Wünsche und Hoffnung zu Stärke und Erkenntnis gelangen. Rothmann erzählt mit großer Liebe zum Detail. Man nimmt sinnlich am Geschehen teil, riecht förmlich den Mief jener Jahre, den Gestank der knatternden Zündapp, mit der unser Held, zigaretterauchend und mit Alkoholfahne durchs Gelände pest. Oder den kalten Geruch der Küche, in der die familiären Konflikte eskalieren, in der geschlagen, geschrieen, und geprügelt wird. Die Sehnsüchte unseres Helden werden greifbar – vor rosig-rostigem Abendhimmel und Zechenhalden, die alles zulassen: Gewalt und kleines Glück, Ausbruch in Rock ´n Roll ebenso wie Schrebergartenidylle. Mit »Junges Licht« schrieb Rothmann gleichsam einen Fortsetzungsroman von »Milch und Kohl«“ – diesmal aus der Perspektive des zwölfjährigen Julian. Auch dieser Roman wurde als »Sittengemälde mit einer herausragenden Epochen- und Milieuschilderung« (Thomas Laux) bezeichnet.
