1977 Elisabeth Hauptmann: Romeo ohne Julia

1977 erschien, herausgegeben von der Berliner Akademie der Künste, der Band »Julia ohne Romeo«. Er enthält Kurzgeschichten und autobiografische Prosa der Brecht-Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmanns. Mit aufgenommen wurde auch ihr Theaterstück »Happy End«. Dieses sollte an den Erfolg der »Dreigroschenoper« anknüpfen, mit der Brecht einen Sensationserfolg gelandet hatte. Elisabeth Hauptmanns Anteil an dem Stück wird heute auf 70 bis 80 Prozent geschätzt. Auch an anderen Arbeiten Brechts hatte die Autorin maßgeblichen Anteil. Hauptmann stand nie im Rampenlicht. Aber sie zog im Hintergrund mit Geschick die Fäden. Eine Zeitlang, Ende 1926, war sie Brechts »linke Hand«. Eigens für ihn besaß sie eine geheime Telefonnummer, war 24 Stunden am Tag für ihn verfügbar. Elisabeth Hauptmann übersetzte für ihn, sammelte Ideen, knüpfte Kontakte und übernahm ohne zu murren einfache Sekretärinnenarbeit. Ihre eigene literarische Karriere stellte sie zurück. Ihre Rolle als Mitarbeiterin akzeptierte und interpretierte sie ohne Groll und Neid. »Julia ohne Romeo. Geschichten, Stücke, Aufsätze, Erinnerungen« war der erste umfassende Versuch, Elisabeth Hauptmann als eigenständige Autorin zu würdigen. Ihre Texte sind – zeitgemäß – einem »kühlen« Amerikanismus verpflichtet, der damals hoch im Kurs stand und mit einer Abkehr von romantischen Gefühlswelten und einer Geringschätzung des Expressionismus einherging. In der Kurzgeschichte »Julia ohne Romeo« wird beispielsweise ein Liebesverhältnis ganz unter dem Kalkül des Materiellen gesehen. Der Bezug auf Shakespeare schlägt somit ins Polemische und Komische um. Elisabeth Hauptmanns Erzählungen zeigen, dass Brecht einerseits Förderer Hauptmann war, andererseits aber auch ihr Antipode. Viele Texte Hauptmanns lesen sich wie Antworten bzw. Gegenpositionen zu Thesen Brechts.

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