2007 Ulrich Horstmann: »Hoffnungsträger«

In seinem vierten Aphorismusband nach »Hirnschlag« (1984), »Infernodrom« (1994) und »Einfallstor« (1998) greift der Autor zu jenen Waffen, die er schon immer bevorzugt hat: Provokation und Polemik, vor allem aber: geschliffenem Wortwitz (wie er besonders dem Aphorismus zueigen ist). »Im Pointenreich«, seinem eigentlichen Metier, fühlt er sich, wie er selbst sagt, besonders wohl. Hier könne er seiner Lust am Sprachwitz und Doppeldeutigkeiten »hart an der Grenze des so genannten guten Geschmacks« freien Lauf lassen. Ein besonderer Clou: In »Hoffnungsträger« erklärt sich der Autor selbst für tot. Warum? Aus Trotz und Lust am Widerstand, weil ihn die Literaturwelt nur unzureichend wahrnimmt. Erregt hatte Horstmanns Zorn zudem, dass der Suhrkamp-Verlag sein kulturkritisches Pamphlet "Das Untier" (1983) aus dem Programm genommen hatte. Wusste der Verlag, was er damit anrichtete? Ist nicht die »Untier«-Philosophie, der es um nichts weniger als die Auslöschung der Welt geht, der Nukleus des Horstmannschen Schreibkosmos? Hat nicht folglich der Suhrkamp-Verlag Mitschuld daran, dass dem Autor der Boden unter den Füßen entzogen wurde und das »Untier Mensch« weiterhin fröhlich und unbehelligt sein Unwesen treiben kann? Auf das »Untier« hat Horstmann geradezu ein Patent angemeldet und nach ihm auch seine Homepage (www.untier.de) benannt. Diese bietet ebenso ergiebige wie kurzweilige Informationen über das weitverzweigte Oeuvre Horstmanns. Dabei kommen neben den literarischen Arbeiten auch zahlreiche Übersetzungen und Herausgaben zu Wort (Stichwort: „Am Gutenberg“). Unter »Fundstücke« stoßen wir auf 15 Themen und Motive, die Horstmann besonders umtreiben, darunter »Das Zweite Ich« (»Doppelgänger. Mal als Figuren lustvoller Ich-Entgrenzung, mal nicht von dieser Welt«), Metamorphosen der Apokalypse (»Von der anthrofugalen Poesie zur Beinahe-Katastrophe«), »Selbstauslegung« (»Wider die Missverständnisse. Ironische Selbstkommentare und bierernste Erklärungsversuche«) oder auch »Liquidierung« (»Von der Trunksucht. Unter literarhistorischer Perspektive wie im Selbstversuch«). Wir lernen die vielen Facetten eines querdenkerischen Workaholics kennen, bei dem man sich alles vorstellen kann, nur eines nicht: dass er sich selbst mundtot macht bzw. er sich von anderen mundtot machen lässt…

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