2005 Kevin Vennemann: Nahe Jedenew

»Schon nach den ersten Seiten ist klar: dies ist der beste literarische Text, der in den letzten Jahren von einem unter Dreißigjährigen erschienen ist.« Andrea Neuhaus’ Urteil in der Süddeutschen Zeitung teilen die Rezensenten von Kevin Vennemanns Romandebüt »Nahe Jedenew« unisono. Es ist von einem »meisterhaften literarischen Exerzitium« die Rede, von der »großen poetischen Kraft« der Geschichte, die ein rätselhaftes Gewebe aus Sprache, Zeiten, und verschlungenen Seitensträngen bilde und von einer derart »zeitgenössischen Musikalität« und »Rythmik« geprägt sei, dass der Leser dem Sog dieser »schönsten traurigsten Geschichte« nicht mehr entziehen könne. Ein Buch, das trotz seines »schrecklichen« und »schmerzhaften« Themas leicht zu lesen sei und eine eigene Melodie und »flirrendes Erzählkontinuum« entfalte (»So viel Musik bei soviel Massaker«; »Solche Schwerelosigkeit bei einer solchen Bürde«). Kaum glauben wollten die Rezensenten, dass der Verfasser Jahrgang 1977 ist, hier liege der »erste Kriegsroman einer neuen Generation« vor. Im Mittelpunkt der Handlung steht das fiktive polnische Dorf »Jedenew«, ein magischer Ort in der, wie es heißt, »südlitauischen Heide«. Hier bilden Juden und Katholiken seit Jahren eine funktionierende Zweckgemeinschaft. Doch dann, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, dringen deutsche Besatzer in den Ort ein, plündern und morden. Die Bauern rotten sich zusammen, um Rache zu nehmen an einem jüdischen Tierarzt, sie setzen zwei Höfe in Brand und bringen die Mitglieder zweier Familien um. Erzählt wird das alles von der Tochter des Tierarztes, der gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester die Flucht gelang. Die Schwestern flüchten sich in Erinnerungen, in die das leise Ausklingen ihrer Kindheit einfließt. Sie haben sich in einem Baumhaus versteckt und beobachten, wie die Häuser, in denen sie groß geworden sind, zerstört werden. In diesen Momenten laufen die Erinnerungsbilder ab, die suggestiv und ungeordnet an die Oberfläche dringen.

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