1995 Burkhard Spinnen: Langer Samstag

Burkhard Spinnen hat, weil er »Unvermutetes im Alltag unspektakulär erzählt«, 1992 den Aspekte-Literaturpreis erhalten. Der akute Alltag ist in der Tat das alles dominierende Thema bei Spinnen, der Alltag und der Alltagsmensch. Peinliche und pikante Katastrophen brechen in die Spießerwelt hinein, die Normalität gerät für Momente aus dem Takt, und danach ist nichts mehr so, wie es früher einmal war. Wann immer Spinnens Protagonisten – Durchschnittsmenschen, mit Vorliebe Bankangestellte, Sachbearbeiter, häufig auch Akademiker – in Grenzsituationen hineinmanövriert werden, scheitern sie, schliddern sie in kleine Apokalypsen hinein. Es genügt oft eine minimale Drehung, eine kleine Störung im festen Koordinatensystem, um das Gerüst aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dazu war in der ZEIT zu lesen. »Der Leser schnappt nach Luft. Dergleichen banale und harmlose Geschichten hat er seinen Lebtag noch nicht gelesen. Doch buchstäblich im letzten Moment… bahnt sich etwas Seltsames, Außerordentliches, Wunderbares und sehr Befremdliches an.« Manchmal liegt die Pointe aber auch darin, dass die erwartete oder befürchtete schlimmstmögliche Wendung ausbleibt. Fast immer aber ist man nach der Lektüre verblüfft, rumoren die Geschichten im Kopf weiter. Das alles sind – auf der Seite des Autors – wohlkalkulierte Kabinettstückchen und Planspiele der Verwandlungskunst, während auf der anderen Seite der Leser Beispiele für missglückte Selbstverwirklichung geboten bekommt. Paradigmatisch hierfür der Held in Spinnens Roman »Langer Samstag«: Lofart, die Hauptfigur, ist eine durch und farblose Figur. Der 37-Jährige ist Verwaltungsjurist in einer Stromversorgungsfirma. Er hat keine Freunde, fährt mit dem Rad ins Büro. Dort hört und und spricht er täglich Worte wie Umstrukturierung, Kernarbeitszeit, Organisationsplan und Hauptabteilungsleiterkonferenz. Er leidet unter Hexenschuss, geht in keine Kneipe, verbringt seine Samstage in der Fußgängerzone, auf den Rängen im Fußballstadion, Hauptsache anonym und allein. Am Abend gibt's ein Tete-a-tete mit dem Fernseher, angefeuert mit einem Glas Rotwein. Er kocht Fertigsuppen nach Dosenanleitung, klebt feierabends alte Urlaubsfotos ins Album oder verkrümelt sich ins Kinocenter. Seine im Supermarkt zwischen Raviolidosen angebahnte Beziehung zu einer locker-flockigen Unternehmensberaterin – in Wirklichkeit ist sie in ihren Anschauungen ebenso festgelegt, ebenso gehemmt und verklemmt wie Lofart auch – geht in die Brüche, muß in die Brüche gehen, weil beide viel zu sehr in ihrem Gewohnheits- und Gefühlstrott stecken und unfähig sind, auf den anderen einzugehen. Zuletzt wird Lofart, nachdem er seine eigene Stelle wegrationalisiert hat, in die neuen Bundesländer versetzt, wo er eine weniger komplizierte Beziehung mit einer Arbeitskollegin eingeht.Lofart ist zwar, sozusagen, ein Mensch von der Stange, er hat jedoch einen Tick, einen Spleen. Er ist von einer fast obsessiven Liebe zum Detail besessen. So entwickelt er nicht nur Rationalisierungskonzepte für seine Firma, sondern auch für die Bewältigung des Alltags. Seine Existenz meistert er eher wie ein Handwerker, der seine Handlungsabläufe nach Bedienungsanleitung abspult. Solche Grübeleien unterscheiden ihn von den Protagonisten der ersten beiden Erzählbände Spinnens. Während die Erzählungen von »Dicker Mann im Meer« 1991 und »Kalte Ente« 1994 auf eine Pointe hinsteuern und von der Kuriosität ihrer Themenwahl leben, zerfällt der Roman zwar ebenfalls in viele Handlungskerne; diese ordnen sich jedoch einem größeren Thema unter: Einer Philosophie von der Dinghaftigkeit dieser Welt, ihrem Waren- und Gebrauchsfetisch – all dies verkörpert Lofart maßgeschneidert oder besser: in Konfektionsgröße. 

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