Unser multimediales Zeitalter hat jene Epoche verdrängt, in der es noch gang und gäbe war, dass sich die ganze Familie um das Radio scharte, um gespannt dem neuen Hörspiel ihres Autors zu lauschen. Zu Zeiten des niederdeutschen Autors Anton Aulke (1887-1974) war das noch so. Im NWDR und später im WDR und NDR war er zwischen 1954 und 1970 mit rund zwei Dutzend Hörspielen vertreten, die sich unter anderem um die Schelmenfigur Nies, einen westfälischen Eulenspiegel, ranken.
Nach Anfängen in hochdeutscher Lyrik war der Nies 1936 – lange vor der Hörspielfassung – Aulkes erstes plattdeutsches Buch. Der Nies – das waren mit viel Lokalkolorit gespickte Dorfgeschichten vor überwiegend heiterer Fassade und ohne viel Tiefgang, eben en plasseerlik Bok van Buren, Swien, Spök, hauge Härens un en unwiesen Kerl. Im Plattdeutschen, das in seinem Elternhaus noch ausschließlich gesprochen worden war, fand Aulke zu seiner – wie er es nannte – Muttersprache. Eine größere Anzahl an Erzähl- und Lyrikbänden folgte bis 1972. Sie sind noch heute gefragt und haben es teilweise zu hohen Auflagen gebracht.
Die Stadt Warendorf verlieh Aulke 1955 ihren Kulturpreis und 1967 einen goldenen Ehrenring; 1975 benannte sie eine Straße nach ihm. Weitere Ehrungen wurden Aulke zuteil: 1951 der Klaus-Groth-Preis und 1961 die höchste literarische Anerkennung Westfalens, der Annette von Droste-Hülshoff-Preis (Westfälischer Literaturpreis).
Es wäre sicher zu hoch gegriffen, Aulke in eine Reihe mit Autoren wie Augustin Wibbelt zu stellen. Hierzu fehlt seinem Werk die kritische Reflexion und die soziale Durchdringung seiner Stoffe (was ihm nicht zu Unrecht den Verdacht der nostalgischen Verklärung einbrachte). Andererseits vereint Aulke viele Vorzüge eines sogenannten Heimatdichters. Er hat dem Volk auf den Mund und in die Seele geschaut und auf diese Weise viele Leser und Hörer angesprochen.
Aulke war von 1929 bis zu seinem Tode in Warendorf im höheren Schuldienst tätig. 1967 bekannte er über seinen Heimatort Senden, den er auch später noch regelmäßig besuchte: In Senden liegen die Wurzeln fast meiner gesamten plattdeutschen Dichtungen, nicht nur der Prosa, sondern auch der meisten Gedichte und Hörspiele. Über seine Beziehung zu Warendorf verrät er in seinem Bändchen Münsterland:
»Ein großer Teil dieses Bändchens versucht die Eigenart der Stadt Warendorf und den Reiz der sie umgebenden Landschaft ins Wort zu bannen. Das ist erklärlich, da ich, seit ich die Stadt Warendorf im April 1903 zum ersten Mal betrat, viele Jahrzehnte gern darin gelebt habe. Sie ist mir zur zweiten Heimat geworden.« Bereits von 1903 bis 1908 hatte Aulke hier das Gymnasium besucht.
Literarische Stätte: Gymnasium Laurentianum, an dem Aulke Schüler und später Lehrer war; Wohnhaus in der Beelenerstraße 2; dort befindet sich auch sein Nachlaß; Grab auf dem Warendorfer Friedhof.
»Warendorf liegt an der westfälisch-münsterländischen Ems, an einer Furt, ungefähr im Schnittpunkt des achten Längen- und des zweiundfünfzigsten Breitengrades. Handwarm haben nur wenige der acht- bis zehntausend Dorfgeborenen sowie der fünf- bis siebentausend Vonferngekommenen mit Pferden zu tun – in diesem schmucken Städtchen aus höchstens dreistöckigen Wohnhäusern, Gassen und Katzenkopfsteinpflaster, krummen Straßen und viel zu schmalen Bürgersteigen. Alle Warendorfer indessen leben, atmen, essen, trinken, freuen und ärgern sich im Dunst- und Bewußtseinskreis von Pferden […].«
Das bitter-süße Porträt stammt aus der Feder von Paul Schallück, der 1922 in Warendorf geboren wurde. Der Text, 1966 im Atlas deutscher Autoren veröffentlicht, trug seinem Autor in Warendorf viel Feindschaft ein.
Paul Schallück hatte eine russisch-sibirische Mutter und einen westfälischen Vater. Früh begann er zu schreiben, zunächst Gedichte und Erzählungen, dann sein erstes Drama, dessen Aufführung ein Bombenangriff im Jahre 1944 verhinderte. In Paris wurde er als Soldat schwer verwundet; zwei Jahre verbrachte er in der Gefangenschaft. Der Krieg setzte seiner Absicht, katholischer Missionar zu werden, ein Ende.
Paul Schallück begann Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften zu studieren. Er schrieb weiter, war auch als Kritiker tätig, und wurde schon bald zu den Tagungen der Gruppe 47 eingeladen, auf denen er neben Heinrich Böll, Günther Grass, Martin Walser, Peter Rühmkorf, Wolfdietrich Schnurre und anderen las. 1951 erschien sein erster Roman Wenn man aufhören könnte zu lügen. Es folgten Ankunft null Uhr Zwölf (1953), Die unsichtbare Pforte (1954) und Engelbert Reineke (1959), der Roman, in dem er Warendorf zum Modell wählte, und schließlich Don Quichotte in Köln (1967).
Weiterhin verfaßte Schallück Erzählungen, Essays und andere Beiträge für Zeitschriften und Rundfunk. 1955 erhielt er den Annette von Droste-Hülshoff-Preis, 1956 das Zuckmayer-Stipendium, 1962 den Literaturpreis der Stadt Hagen, 1973 den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund. Lange Zeit war er Chefredakteur der Dokumente, Zeitschrift für internationale Zusammenarbeit. Engagiert betrieb er die deutsch-jüdische Verständigung und setzte sich in Kommentaren auch mit aktuellen politischen Fragen auseinander. Gemeinsam mit Heinrich Böll begründete er die deutsch-jüdische Bibliothek Germania Judaica.
Sein zentrales Thema aber war die unbewältigte deutsche NS-Vergangenheit. Er selbst hatte es als Junge abgelehnt, der Hitlerjugend beizutreten und wurde deshalb nicht selten verprügelt.
Aufgrund der Diskriminierung, die er wegen der Herkunft seiner Mutter erfahren hatte, bezeichnete er sich als Verwundeten von Anfang an. Von hier her wurde Schreiben für ihn ein Akt politischer und humaner Verantwortung:
»Die Literatur in ihrer Gesamtheit ist d i e Entlarverin des falschen Scheins, der Phrase, der Lüge. Sie braucht dazu keinen speziellen Auftrag; es ist eine ihrer Funktionen, es liegt in ihrer sprachlichen Natur, Lüge Lüge zu nennen. Daß die Literatur auf die Dauer noch immer mächtiger war als die Lüge, ist weder idealistisch noch utopisch, sondern nachweisbar. Wenn es wahr ist, daß Gewalt nicht ohne Lüge existieren kann, dann hat die Literatur als Entlarvung der Lüge im Zeitalter der Gewalt ungeahnte Chancen.«
Paul Schallück starb 1976 in Köln, wo er viele Jahre gelebt hatte. Sein nicht ungebrochenes Verhältnis zu Westfalen legte er einmal im Westfalenspiegel dar:
»Sodann habe ich mich am Ende des westfälischen Dichtertreffens in Marl (1955) vor der Presse und dem Fernsehen mit aller wünschenswerten Deutlichkeit zur Tagung selbst und zu meiner westfälischen Heimat bekannt. Es steht also außer Frage, ob es mir genehm ist, als westfälischer Dichter angesprochen zu werden. Andererseits war er auf dem Westfälischen Dichtertreffen in Schmallenberg unter jenen ›Rebellen‹, die einer Heimatliteratur im verengten Sinne den ›Garaus‹ bereiteten.«
Literarische Stätte: Schallücks Geburtshaus in der Hohestraße 24 ist heute renoviert (Gedenktafel); sein Nachlass befindet im Historischen Archiv der Stadt Köln.
Ebenfalls in Warendorf geboren wurde Hermann Homann (1899-1985) (s. Münster), Lehrer, Autor von rund 40 plattdeutschen Theaterstücken und Hörspielen, Jugendbüchern, Reiseerzählungen, zugleich Herausgeber historischer Reiseberichte. 1976 erhielt er den ersten Rottendorf-Preis.
Homann wuchs in Münster auf und war nach dem Ersten Weltkrieg als Lehrer tätig, bis er von den Nationalsozialisten entlassen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg trug er als Redakteur des Nordwestdeutschen Rundfunks zum Aufbau des Schulfunks bei (er gestaltete mehr als 400 Sendungen). Im Anschluß kehrte er an die Schule zurück und wurde Konrektor in Bad Meinberg. Nach seiner Pensionierung lebte er, mit vielfältigen literarischen Plänen befaßt, wieder in Münster.
»Von Hermann Homann wurden 33 plattdeutsche Hörspiele vom Westdeutschen Rundfunk, von Radio Bremen und vom norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt; sie sicherten ihm einen nach Millionen zählenden begeisterten Hörerkreis im gesamten norddeutschen Raum. Auch seine zehn plattdeutschen Theaterstücke, die vom Ohnsorg-Theater Hamburg und der Niederdeutschen Bühne Münster uraufgeführt wurden, gehören seit vielen Jahren zum Repertoire führender Mundart-Theater und Freilichtbühnen, allein sein Stück »Hahn giegen Hahn« erlebte über 1000 Aufführungen.« (Wilhelm Damwerth)
In Warendorf steht auch das Geburtshaus Christoph Bernhard Schlüters (1801-1884), des literarischen Freundes der Droste.
Literarische Stätte: Das Geburtshaus Schlüters (In den Lampen 1) ist erhalten.
Hinweise: In Warendorf wuchs der Verfasser der Telynische Versuche (Münster 1808), Bernhard Joseph Ecker auf (s. Steinfurt-Borghorst).
Zu den Werken des in Warendorf geborenen Lyrikers, Essayisten und Zeitschriftenmitarbeiter Christoph Flaskamp (*1880 – †1950 München) zählen die Gedichtbände Frommer Freude voll (1904) und Das Sommerbuch (1909).
Literarische Stätte: Flaskamp verbrachte seine Kindheit im Haus Kolping-Straße 11.
Weitere literarische Stätten: Belegt ist ein Aufenthalt Goethes auf der Rückreise aus der Campagne in der Kaiserlichen Post (heute Haus Otto, Ost-Straße 12); Gedenktafel am Rathaus zur Erinnerung an einen Besuch von Agnes Miegel (s. Bad Salzuflen) zum Tag der Heimat 1955. Denkmal für Bernard Overberg (s. Münster) im Park des Alten Lehrerseminars (heute Gymnasium Laurentianum).
Schauplatz: In Warendorf spielen Henrich Klockenbuschs Zacharias und das Gerücht (Roman, 1950), Tobias und das goldene Kalb (Roman, 1950) sowie Franz Joseph Pruys' Faustulus und die Moderne (Liebesroman, um 1920).





