Seine münsterländische Amme habe ihm in seiner Jugend »Gespenstergeschichten, Märchen und Volksgesänge in großer Zahl erzählt«, bemerkt Heinrich Heine (1797-1856) in seinen Memoiren, und in Elementargeister (1834):
»In Westfalen, dem ehemaligen Sachsen ist nicht alles tot, was begraben ist. Wenn man dort durch die alten Eichenhaine wandelt, hört man noch die Stimmen der Vorzeit, da hört man noch den Widerhall jener tiefsinnigen Zaubersprüche, worin mehr Lebensfülle quillt als in der ganzen Litteratur der Mark Brandenburg.«
Noch aus früherer Zeit stammen die Verse, die Heine seinem Bonner Studiengenossen Fritz von Beughem widmete:
»Mein Fritz lebt im Vaterland der Schinken, / Im Zauberland, wo Schweinebohnen blühen, / Im dunklen Ofen Pumpernickel glühen, / Wo Dichtergeist erlahmt und Verse hinken, / Mein Fritz, gewohnt, aus heil'gem Quell zu trinken, / Soll nun zur Tränke gehn mit fetten Kühen. – / Mein Fritz wird nun, will er sein Herz erbauen, / Auf einem dürren Prosagaul durchreiten / Den Knüffelweg von Münster bis nach Dorsten.«
Die bekannteste Stelle aber, an der sich Heinrich Heine über Westfalen äußert, findet sich in Deutschland. Ein Wintermärchen (1844):
»Dicht hinter Hagen war es Nacht, / Und ich fühlte in den Gedärmen / Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst / Zu Unna im Wirtshaus erwärmen. / Ein hübsches Mädchen fand ich dort, / Die schenkte mir freundlich den Punsch ein, / Wie gelbe Seide das Lockenhaar, / Die Augen sanft wie Mondschein. / Den lispelnd westfälischen Akzent / Vernahm ich mit Wollust wieder. / Viel süße Erinnerungen dampfte der Punsch, / Ich dachte der lieben Brüder, / Der lieben Westfalen, womit ich so oft / In Göttingen getrunken, / Bis wir gerührt einander ans Herz / Und unter die Tische gesunken! / Ich hab sie immer so liebgehabt, / Die lieben, guten Westfalen, / Ein Volk, so fest, so sicher, so treu, / Ganz ohne Gleißen und Prahlen. / […] / Sie fechten gut, sie trinken gut, / Und wenn sie die Hand dir reichen, / Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie; / Sind sentimentale Eichen. / Der Himmel erhalte dich, wackres Volk, / Er segne deine Saaten, / Bewahre dich vor Krieg und Ruhm, / Vor Helden und Heldentaten. / Er schenke deinen Söhnen stets / Ein sehr gelindes Examen, / Und deine Töchter bringe er hübsch / Unter die Haube – Amen.«
Literarische Stätte: Heine erwähnt brieflich den Gastwirt Overweg in Unna, in dessen Gasthof Zum König von Preußen, dem damals vornehmsten Haus am Ort, er zweimal (1821 und 1843) eingekehrt sei. Das Haus (Markt 13) ist erhalten.
Im Zusammenhang mit Unna darf der Verfasser der beiden um 1599 entstandenen, unvergeßlich gewordenen Kirchenlieder »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »Wie schön leuchtet der Morgenstern«, Philipp Nicolai (1556-1608), nicht unerwähnt bleiben. In einer Zeit religionspolitischer Wirren mit ebenso langwierigen wie fruchtlosen Streitigkeiten über den einzigen und richtigen Glauben kam der in Mengeringhausen in der Grafschaft Waldeck geborene Nicolai dank der Überredungskünste des damaligen Bürgermeisters 1596 als Stadtpfarrer nach Unna. Seine seelsorgerischen Pflichten nahm er dort gewissenhaft wahr, trotzte allen Gefahren der damals grausam grassierenden Pest und schrieb – zum Troste anderer und zur eigenen Erbauung – ein Liederbuch, das angesichts der schweren Zeit den antagonistischen Titel trägt: Freudenspiegel des ewigen Lebens. Dieses Liederbuch, dem die beiden genannten, später von Johann Sebastian Bach vertonten Lieder entstammen, war jedoch nur eine Gelegenheitsarbeit. Wichtiger waren Nicolai seine zahlreichen theologischen Abhandlungen, die den strengen Lutheraner als unbeugsamen und streitbaren Geist ausweisen, der es in hitzigen und polemischen Schriften mit dem Papst und den Calvinisten aufnahm. Bereits 1601 verließ Nicolai Unna und nahm, inzwischen verheiratet, eine Pastorenstelle in Hamburg an. Dort liegt seine Gedenkstätte – ein Ehrengrab vor dem Altar der Katharinenkirche.
»Das Weltbild Nicolais ist der Versuch einer Synthese zwischen dem geozentrischen Weltbild der Bibel und dem naturwissenschaftlichen heliozentrischen Weltsystem des Nicolaus Kopernikus (1473-1553). Dabei berücksichtigt Nicolai die Aussagen der Heiligen Schrift, die Erkenntnisse der Naturwissenschaft und die Gegebenheiten der Weltgeschichte. Sein Weltbild läßt eine Dreischichtigkeit unter dem Aspekt des Regionalen, Kosmologischen und Funktionalen erkennen.« (Heinrich Peuckmann)
Literarische Stätten: Gedenkstein an der Stadtkirche von Unna, damals St. Clemens, Dionysius und Nicodemus geweiht; in der Kirche Kriegergedächtnisbilder von R. Schäfer, gestaltet nach Chorälen Nicolais; ein 1949 gegründeter Chor trägt den Namen Nicolai-Kantorei; eine Nicolai-Sammlung befindet sich im Unnaer Hellweg-Museum.
Hinweise: In Unna gibt es seit 1963 eine Gesellschaft für deutsche und fremdsprachige Lyrik, ferner hat hier das Westfälische Literaturbüro seinen Sitz. Es wird außerdem ein Stadtschreiber-Stipendium und jährlich ein Jugendliteraturpreis NRW vergeben.
Schauplatz: In Unna spielt Benedikte Nauberts Hermann von Unna. Ein Roman aus den Zeiten der Vehmgerichte (1788/89). Unna-Königsborn ist Schauplatz von Clara Ratzkas Frau Doldersum und ihre Töchter (Roman, Berlin 1921) und Paul Spruths Eilike von Unna. Bild eines jungen Mädchens aus unserer Zeit (Unna 1950). Ein Unnaer Lesebuch mit dem Titel Stadt-Ansichten gaben G. Rademacher und J. Banscherus (Gelsenkirchen 1985) heraus. Weitere literarische Zeugnisse über die Stadt finden sich in dem Band Kleine Turmmusik. Geschichten und Geschichte in, aus und über Unna von Autoren seit Philipp Nicolai und Heinrich Heine. Hrsg. von Gerhard Rademacher (Unna 1988).