Hagen-Haspe

»Den abstrakten Fall gibt es nicht, daß ein Mensch an jedem Ort der Erde geboren werden könnte. […] Was mich betrifft, so konnte auch ich nicht anders denn als Sohn meiner Eltern zur Welt kommen, und zwar gemäß den Prämissen des jungen Paares im September 1911, in Kückelhausen, einem Bezirk des völlig ruhm- und legendenlosen, allerdings westfälischen Städtchens Haspe, gelegen an der Ennepe und bei Hagen. »Ennepe«, das war freilich was; denn Homer scheint schon an sie gedacht zu haben. Daß ich übrigens an einem Sonntag meinen ersten Schrei ausstieß, beruhte aber doch wohl auf Selbstbestimmung (ich würde später für einige Zeit Theologie studieren). Jedenfalls kamen meine liebe Mutter und ich mit mir nieder in einem Eckhaus und einer kurzen Straße, die Lange Straße hieß. Eines Tages sollte ich erkennen, daß sich in dieser Straße nebeneinander der Kindergarten und die Volksschule befanden; sie nahmen fast die ganze eine Seite ein. Fürs Elementare war also gesorgt. Die Schule: ein gräßlich großer Ziegelbau; ich weiß nicht, wie sie mir damals vorkam.« (Ernst Meister)

Ernst Meister (1911-1979) besitzt von den westfälischen Gegenwartsautoren seiner Generation die weiteste Ausstrahlung. Wertschätzung wurde ihm unter anderem durch poetische Nachrufe von Sarah Kirsch, Peter Härtling, Christoph Meckel, Günther Kunert und Michael Hamburger zuteil. Er war, nachdem er jahrelang verkannt wurde, vielfacher Literaturpreisträger (Annette von Droste-Hülshoff-Preis 1957, Hagener Literaturpreis 1962, Großer Staatspreis NRW 1963, Petrarca-Preis 1976, Rilke-Preis 1977, postum Georg-Büchner-Preis 1979). Dabei kam dem Westfälischen Literaturpreis, den der ›unwestfälische‹ Meister 1957 unter Protest vieler erhielt, in gewisser Hinsicht ›Signalcharakter‹ zu. Meisters eigentliche Entdeckung erfolgte während des »Schmallenberger Dichtertreffens« 1956, als er vor über Tausend Zuhörern seine überhaupt erste Dichterlesung hatte. In dem Germanisten Clemens Heselhaus fand er einen Förderer, der die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit seinem Werk einleitete.

Ernst Meister wurde ein Gedankenspaziergänger, ein Mann des Zimmers, genannt. Abgesehen von den Studien- und Kriegsjahren lebte er in Hagen-Haspe, Berliner Straße 74a,] wie seine Frau einmal bemerkte – fast in Klausur. Die finanzielle Situation verhinderte häufigere Reisen; waren sie möglich, führten sie fast immer in den Mittelmeerraum. Ein Freund Meisters, der westfälische Autor Wolfgang Hädecke, erinnerte sich in seiner persönlichen Hommage: »schwierige Verse / in den Taschen / die erloschene Zigarette / in der zitternden Hand / so tappt er davon / Hölderlin in Hagen […]«


»Haspe. Itzt Stadtteil Hagens. Der von Süden Einreisende ist entzückt von dem rostbraunen Qualm aus Hochöfen. »Romantisch«, besonders im Verein mit Abendhimmel. Man fährt ja auch nur durch. Die Einwohner hingegen meinen, wenn sie vom »Hasper Maggi« sprechen, nicht das Farbliche, sondern die Ingredienzien der Luft. Die Hagener in Hagen wissen, was wohltätige Distanz von solcherart Industrie heißt. Man hört, daß sie uns den Rücken kehren will. Dies geschähe freilich, nachdem wir durch Generationen immun gegen sie geworden sind, wie ich glaube, wir, die die Karosserien unserer Autos lakonisch vom weißen Niederschlag befreien.« (Ernst Meister 1968)

Hier in Hagen wartete Meister auf den – wie er es nannte – »einfallenden Gedanken«. Auf die Frage nach der Entstehung eines Gedichts hat er einmal geantwortet:

»Wie geschieht das? Es geschieht in der Tat durch den einfallenden Gedanken. Ich muß Ihnen bekennen, daß bei mir Dichten identisch ist mit Denken. Wie diese Einheit zustandekommt – und das heißt: richtig zustandekommt –, ist wiederum ein Rätsel, […].«

Meisters abstraktes Denken und Dichten kreist um Sein, Zeit, Tod, Dasein, Mythos, Bibel: »Wenn mich hartnäckig etwas beschäftigt hat und noch immer beschäftigt, so ist es der Gedanke an Sein überhaupt, […]«

 Meisters Lyrik trägt von ihren Anfängen an surreale Züge. Sie entzieht sich einem vordergründigen Verständnis, widersetzt sich – schon durch ihre vielschichtige Syntax – der alltäglichen Sprachflut. In seinen Gedichten von Ausstellung (1932) bis Wandloser Raum (1979) befreite sich Meister vom Reim; die Verse wurden formal schlichter, gewannen zugleich aber an Präzision, wurden immer konzentriertere Gedankensubstrate. So gelangen lautlose, statische, meditative Gedichte, die dennoch nie ihre sinnhaft-konkrete, bildkräftige Ebene verleugnen. Gegen den halben Vorwurf der Intellektualität und Unverständlichkeit hat sich Meister verwahrt. Er ist zwar Visionär, doch bleibt seine Imagination präzise, sie ist von traumimmanenter Logik.

Über sein späteres Wohnhaus bemerkte Meister: »Als meine Eltern 1917 umzogen, war dies keine Emigration aus Kückelhausen. Das wäre zu herb gewesen. Wir befanden uns jetzt an der Berliner Straße. Sie war durchaus länger als die Lange Straße, handelte es sich doch um die Verbindung, sagen wir: Köln – Berlin. Nunmehr die Nadel in den Punkt »74a« gestochen (74a ist unsere Hausnummer der Berliner Straße, die zu einem Teil der B 7 wurde), dann haben Sie, meine Herrschaften, die Prosa beisammen, die den Geist von Lyrik stetig in die Raison bringt. Aus diesem Satz geht hervor, daß das (1910 erbaute mehrstöckige, jugendstilverdächtige) Haus bis heute »mein« Haus blieb.«


Weitere literarische Stätten: Meisters Grab auf dem Städtischen Friedhof in Hagen-Delstern; seit 1980 Ernst-Meister-Gymnasium in Hagen; in Aachen wurde 1989 eine Ernst-Meister-Gesellschaft gegründet. Sie ist Mitglied der beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe angesiedelten Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften Westfalens. 1990/91 erschien das erste Jahrbuch der Ernst Meister-Gesellschaft. Der Nachlaß Ernst Meisters befindet sich im Westfälischen Literaturarchiv in Münster.