Hopsten

»Hopsten ist das erste Dorf nördlich des abdünenden Osning, und in Hopsten beginnen deshalb die Bilder mit Berglandschaften, in jedem Haus von da bis zur See hängt irgendeine Alpenszenerie.« (Josef Winckler)
Josef Winckler (1881-1966) wurde zwar in Rheine geboren, wuchs aber im großväterlichen Haus Nyland in Hopsten, nahe der heutigen Grenze zu den Niederlanden, auf. Seit Apollo unter den Ziegenhütern hat niemand auf Erden eine schönere Jugend erlebt, sagte er von sich selbst. Winckler war 1912 Mitbegründer der Werkleute auf Haus Nyland, eines Dichterkreises von Arbeiter- oder genauer: Industriedichtern, dem unter anderem Otto Wohlgemuth (s. Hattingen), Paul Zech (s. Dortmund) und später Gerrit Engelke angehörten. Weitere Mitglieder des Kreises waren Jakob Kneip aus dem Hunsrück, Wilhelm Vershofen aus Bonn (Wincklers späterer Schwager), Heinrich Lersch, Richard Dehmel, Karl Bröger, Alfred Mombert, Alfons Paquet und Armin T. Wegner.
Die Nieland-Dichter versuchten mit ihrer Dichtung eine Verschmelzung der mechanistischen Welt mit elementaren Kräften der Natur und des Menschen:

»Eichenblätter und Rosenkränze wollen wir in das fliegende Rad der Maschine flechten und um die Bronzestirn nimmermüdliche Arbeit. «

Der Kreis gab seit Herbst 1912 vierteljährlich eine eigene Zeitschrift, die Quadriga, heraus, in der eine idealistische Auffassung vom Beruf des Dichters im industriellen Zeitalter verkündet wird, aber auch militante Töne anklingen. Programm der Zeitschrift war nach dem Willen der Herausgeber die Mitarbeit am Werke deutscher Kultur und Freiheit:

»Ein vorurteilsfreier Standpunkt soll uns fernhalten von der bloßen Theorie und dem geisttötenden Schlagwort, von einem weltfremden Ästhetentum und unfruchtbarer l' art pour l' art-Anmaßung […]. Nicht beklagenswert dünkt uns das Dasein; wir sehen in ihm kein endlos zweckloses Geschehen. Wir wissen, daß alles Seiende ein ewiges Fließen und Werden ist. Daß der Mensch in diesem Fluß des Werdens nicht willenlos kreisendes Treibholz ist, daß er vielmehr die Kraft ist, die in den Fluß der Zeiten die Staudämme des forschenden und schaffenden Geistes baut und diesen Strom hineinleitet in die Sammelbecken und Kraftspender der Kultur. Darum erfüllt uns der harte Kampf unserer Tage um Brot und Licht nicht mit zagender Furcht, er erfüllt mit der Zukunftshoffnung des Sieges der kulturellen Interessen. Nicht sentimentales Bedauern erweckt in uns der Rauch der Schlote und Hochöfen, die menschenverschlingende Großstadt und das landüberzitternde Gestampf der Maschinen. Wir grüßen die tausend Kräfte, die an der Arbeit sind, um unsere Zeit von sich selbst zu erlösen. […] Kultur erwächst uns nur aus einem kampf- und arbeitsreichen Streben zur Schlichtheit, Echtheit und Wahrheit. Freiheit dem Einzelmenschen und seiner Mission […].«
In der Quadriga veröffentlichte Winckler ab Herbst 1912 erstmals seine Eisernen Sonette, die später in Buchform erschienen. In einem vorangestellten Essay bekannte er: Was Millionen täglich Brot und Notwendigkeit ist, daran kann die Kunst nicht in romantischer Schwärmerei vorüber gehen.


Aus dem Nyland-Kreis ging zum Teil bedeutende, dem Expressionismus nahestehende Dichtung hervor, anderes erscheint heute nur mehr als hohle Phrase.


»Erstaunlicherweise waren die im Bunde der Werkleute zusammengeschlossenen Dichter nicht ein einziges Mal alle gleichzeitig in Haus Nieland versammelt, dennoch war es geistiger Mittelpunkt.« (Alfons Tepe) Im ersten Heft der Quadriga 1912 heißt zur Bedeutung des Hauses:

»Die Werkleute auf Haus Nyland – Nichts romantisches, nichts geheimnisvolles verbirgt sich unter dieser Bezeichnung. Alle, die in diesen Blättern das Wort ergreifen werden, haben längere oder kürzere Zeit unter den breiten Dächern des Hauses Nyland geweilt, daß irgendwo im Reich seine überaus reale Existenz hat. Und wenn ihnen schon im Namen des gastlichen Hauses eine Symbolik zu liegen schien, so war dies doch nur ein nachgeordneter Grund, weshalb sie ihre Werktätigkeit an deutscher Kultur und Freiheit nach diesem Hause benannten.«

 Der Sitz des neuen Bundes war aber nicht Haus Nieland, sondern Köln.
Wincklers spätere Bekanntheit fußt weniger auf seiner Bedeutung innerhalb der Werkleute als auf seinem volkstümlich-anekdotischen Roman Der tolle Bomberg (1923) (s. Dülmen). Mit ihm entdeckte Winckler seine humoristische Ader und Westfalen als Stoffreservoir für seine weiteren Romane Doctor Eisenbart (1928) oder Pumpernickel, Menschen und Geschichten um Haus Nyland (1952).

Winckler: »Und so kam ein nun stilleres Lächeln über mich, wie ich es in den Nachkriegsbüchern aus der Tiefe des westfälischen Humors zu gestalten suchte […].«


Schauplatz: Um Hopsten geht es in Wincklers Der alte Fritz. Ein niederdeutscher Volksmythus (Stuttgart 1934), seinem Buch Pumpernickel. Menschen und Geschichten um Haus Nyland (Stuttgart 1925) und Fest der Feste. Weihnachtsgeschichten auf Haus Nyland (Stuttgart 1948) sowie Wilhelm Vershofens Poggeburg. Geschichte eines Hauses (Leipzig 1933).