Leopoldshöhe-Niederbarkhausen

Musensitze wie das im Lippischen gelegene Rittergut Niederbarkhausen, das im 17. Jahrhundert errichtete Jagdschloß Haus Holte und Haus Münte in Rietberg sind im Westfalen des 19. Jahrhunderts Raritäten. Hier wurde musiziert, gedichtet, Theater gespielt und sogar ein eigener Musenalmanach herausgegeben, vor allem aber – und das scheint weniger ins biedermeierliche Idyll zu passen – heftig politisch debattiert.

Die Güter gehörten dem reichen Frühindustriellen Friedrich Ludwig Tenge (1793-1865). ›Fürst Tenge‹ verschloß nicht die Augen vor dem gerade im Minden-Ravensberger Land unerbittlichen sozialen Elend. Viele Radikaldemokraten zählten zu seinen Freunden und Gästen, unter anderem Wilhelm Weitling, die Brüder Karl und Albert Grün (s. Lüdenscheid), Friedrich Engels und Hermann Püttmann. Wiederholter Besucher auf Gut Niederbarkhausen war Hoffmann von Fallersleben (s.Höxter-Corvey, Wetter/R. u.ö.), der Tenge 1844 auf einer Italienreise begleitete. Viele politisch verfolgte Schriftsteller fanden hier Unterschlupf, so Ferdinand Freiligrath (s.Detmold, Soest u.ö.), bevor er wegen seines politischen Glaubensbekenntnisses (1844) nach Brüssel flüchtete. Als er 1868 nach Deutschland zurückkehrte, wurde ihm dort ein feierlicher Empfang bereitet. Ein Sohn Tenges reichte ihm damals den Ehrenbecher.

 

In Niederbarkhausen spielt eine Episode, die mit Ferdinand Freiligrath (s. Detmold, Soest u.ö.), Levin Schücking (s. Münster, Sassenberg u.ö.) und Annette von Droste-Hülshoff (s. Münster-Nienberge u.ö.) drei der bekanntesten westfälischen Dichterpersönlichkeiten zusammenführte. Gemeint ist das Malerische und romantische Westphalen (1841/42).


»Es war im Sommer 1839, als eines Tages ein merkwürdig offen und gutmüthig aussehender wohlgenährter junger Mann bei mir eintrat«, läßt Schücking in seinen Lebenserinnerungen (2 Bände, 1886) die Vorgeschichte des Buches beginnen. Das Zitat bezieht sich auf einen Besuch Freiligraths in Münster. Freiligrath, damals ein gefeierter Dichter, hatte gerade eine Wanderung durch Westfalen angetreten, auf der er den nötigen Stoff für den genannten Landschaftsbildband sammeln wollte. Begleitet wurde er von dem Maler Carl Schlickum (1808-1869) aus Eilpe bei Hagen, der die ›malerischen‹ Punkte des Landes zeichnen sollte. Ein Verleger, Wilhelm Langewiesche (s. Iserlohn) aus Barmen, hatte das Projekt großzügig vorfinanziert.
Das Malerische und romantische Westphalen ist im Zusammenhang mit einer starken Zeitströmung zu sehen. Landschaft und Region wurden damals als politischer Bezirk und literarisches Neuland entdeckt, das Interesse an Märchen, Sagen und literarischem Volksgut erwachte. In einer zehnbändigen Prachtausgabe, dem Malerischen und romantischen Deutschland, war Westfalen nicht bedacht worden. Das war kein Zufall. Die westfälische Landschaft galt als karg und unwirtlich, und auch ihre Poeten standen nicht im besten Ruf. Das änderte sich 1838 mit dem Erscheinen von Karl Leberecht Immermanns Münchhausen-Roman (s. Soest), dessen Oberhof-Kapitel in Westfalen spielen und plastische Landschaftsskizzen enthalten.
Freiligrath war begeistert. Am 4. Oktober 1838 schrieb er Heinrich Künzel:

»Lesen Sie Immermanns eben erschienenen Münchhausen. Darin steht im zweiten Buch des ersten Bandes die trefflichste Schilderung und Würdigung Westfalens, des Landes und der Menschen, die mir je vorgekommen ist. Ich war vor Vergnügen außer mir, als ich's zuerst las. Es tat mir zu wohl, meine oft und viel geschmähte Heimat so glänzend, wenn auch zuweilen mit einem ironischen Seitenblick, in die Rechte eingesetzt zu sehen, und noch dazu von einem Mann wie Immermann.«
Im Brief an Immermann vom 16. April 1839 hören wir bereits von Freiligraths Plänen zu einem eigenen Westfalenbuch:

»Wie gefällt Ihnen mein Entschluß, und was sagen Sie in specie zu meinem Westfälischen Reisebuche? Volkmar in Leipzig […] und Langewiesche […] haben sich zur splendiden Herstellung des Werkes zusammengetan […] und ich kann wohl sagen, daß ich mit Liebe und Feuer daran gehen werde. Ihr Münchhausen, auf den ich bei meiner Arbeit vielfach zurückkommen werde, treibt mich mächtig dazu, und wird mir gewissermaßen Bahn machen: haben Sie westfälische Art und Gesittung geschildert, so wird man mich entschuldigen, wenn ich, die Axt in der Faust, die Wälder meiner Heimat lichte, und von den Ogiven ihrer Klöster und Burgruinen herab die Märchen und Sagen erzähle, die sie, bis jetzt ohne Widerhall, durchklingen, […].«
Der Verlauf der Reise (Mai bis August 1839) läßt sich tagebuchartig rekonstruieren. Als Freiligrath am 19. Mai von Barmen aus aufbrach – bereits am 7. Mai war ausgiebig Abschied gefeiert worden – hatte er das Einleitungsgedicht schon begonnen. Es sollte dem Verleger von der ersten Reisestation aus zugehen. Die erwähnte Begegnung mit Schücking in Münster fand am 22. Mai statt.

Schücking berichtet in seinen Lebenserinnerungen:

»Ich zeigte ihm nun, was ihn in meiner alten westfälischen Hauptstadt interessiren konnte, und dann verabredeten wir ein Wiedersehen auf einem Gut im Lippischen, seiner Vaterstadt Detmold nahe. Wir trafen uns da nach einigen Wochen in einer der meinigen befreundeten Familie, die ich schon von einem früheren Besuche her kannte; denn seit je war das von einem Herrn Tenge (s. Rheda-Wiedenbrück, Gütersloh), dem Besitzer der Grafschaft Rietberg, bewohnte Gut Barkhausen mit liebenswürdigster Gastlichkeit Freunden und Bekannten aus Nah und Fern geöffnet gewesen; so trafen wir uns dort für einen achttägigen Aufenthalt, der unterbrochen wurde durch Ausflüge nach Bielefeld, auf die Ruinen des Sparenbergs und Detmold. Freiligrath war seit langer Zeit nicht mehr in seiner Vaterstadt gewesen und kehrte jetzt als ein im ganzen Vaterland rühmlichst bekannter Dichter zurück. So wurde viel gefeiert; ein ländliches Fest wurde ihm an einem Vergnügungsort auf einer der dem reizend liegenden Ort benachbarten Höhen […] gegeben, wo von der eleganten jungen Welt Detmolds auf dem grünen Rasen ein Ball improvisiert wurde – und dann machte man den Versuch, ihn dort als fürstlichen Bibliothekar festzusetzen, was er aber ablehnte.«
In einem Brief an Schücking vom 12. August kam Freiligrath noch einmal zurück auf die idyllischen Tage von Barkhausen, die Gespenstercontroversen mit Meyer und Mechtilden, die phäaischen Kaffeesitzungen im Grünen, die isländische Colonie in Bielefeld, die närrische Viertelstunde bei der Frau Grabbe, samt der Polonaise auf Peters Stieg.
Aber nicht nur in seiner Heimatstadt und engeren Heimat, sondern überall wurde dem berühmten Dichter, von dessen Gedichten man – nach den Worten der Droste – in Norddeutschland wie betrunken war, ein feuchtfröhlicher Empfang bereitet. Die erhoffte poetische Ausbeute blieb dabei allerdings auf der Strecke.
Über den Aufenthalt in Detmold, von wo Freiligrath nach 8 bis 12 Tagen aufzubrechen gedachte, heißt es in einem seiner Briefe:

»Fluch meiner Schwachheit! volle vierzehn Tage hängen blieb, mich fetiren ließ, Landpartien machte, mit Frau Grabbe kohlte, Champagner soff, mich 2 1/2 mal verliebte, und im übrigen, für Langewiesches Interesse nichts tat.«

So ging es weiter. In Soest (24. Juni bis 10. Juli) geriet der trinkfeste Poet in den Kronprinzenrummel samt Illumination, Revue, Fackelzug usw. und anschließend in zwei Schützenfeste.
Auch nach der Rückkehr nach Unkel, wo Freiligrath ein romantisches Poetendomizil aufgeschlagen hatte, ging die Arbeit nicht voran. Mehr als die erste Lieferung des Malerischen und romantischen Westphalen gelangte nicht zum Abschluß. Diesmal erlag Freiligrath dem Rheinzauber und dem tollen Weinjubel. Monat auf Monat verging. Der Verleger Langewiesche, der – so heißt es – bereits 8.000 Taler in das Projekt investiert hatte, wurde ungeduldig. Als er Freiligrath in Unkel aufsuchte, gelobte dieser feierlich Besserung. Bei einer Tafelrunde, die mit einem fröhlichen Gelage endete, soll Langewiesche endgültig umgestimmt worden sein und guter Hoffnung Unkel verlassen haben.
Doch auch weiterhin kam das Werk nicht voran. Als Schücking im Oktober 1839 Unkel besuchte, erklärte ihm Freiligrath, dass er kein Interesse mehr am Malerischen und Romantischen Westphalen habe. Ein Jahr später bat Freiligrath den Freund, das Projekt zu übernehmen, da ihm selbst Lust und Fähigkeit zu dessen Vollendung fehle. Schücking willigte ein. Er brachte das Buch schnell zum Abschluß und legte damit den Grundstein für seine eigene literarische Karriere. Annette von Droste-Hülshoff half nach Kräften und steuerte acht historische Balladen und mehrere Prosaskizzen bei. Einen humoristischen Nachklang fand die verwickelte Entstehungsgeschichte des Werks in ihrem Lustspiel Perdu!
Dem Malerischen und Romantischen Westphalen kommt in der westfälischen Literaturproduktion des 19. Jahrhunderts in mehrfacher Hinsicht ein besonderer Stellenwert zu. Es markiert den Beginn der populären Westfalenromantik. Landschaftsdarstellungen, in der Literatur wie der Bildenden Kunst, wurden zur Ware, die nostalgische Verklärung hielt Einzug. Germanentum und die von Tacitus beschriebene Vorzeit wurden bemüht. Mit Hilfe solcher Mystifizierungen wurde die heile Gegenwelt zu einer Zeit entworfen, die an Überschaubarkeit verloren hatte und aus den Fugen zu geraten drohte. Seine Weltflucht gibt der Text unumwunden zu:

»Man wandert so weit die rote Erde sich erstreckt, durch ihre Wälder und Talschluchten, über ihre Berge und Ströme, mit dem Wanderstabe als Wünschelrute, die stille steht, wo das Gold der Poesie versteckt als Sage in den Trümmern alter Schlösser und Burgen ruht, wo Dome sich wölben und Städte mit ihrem Mauerkranze sich auftürmen, als Wächter des Hortes, den die Geschichte sich dort gesammelt hat. Das ist das Romantische, das wir suchen: die Erinnerungen der großen Zeit, auf welcher die unsere gebaut ist […].«