Laer

Der eigentliche Ahn des ›Westfalenbewußtseins‹ und ›Westfalenlobes‹ ist der vom Rolfinghof in Laer stammende Bauernsohn und spätere Kartäusermönch Werner Rolevinck (1425-1502), einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit.

»Mit seinem Hauptwerk, der seit 1474 wiederholt aufgelegten ältesten Kulturgeschichte einer deutschen Landschaft, betitelt De laude Antiquae Saxoniae nunc Westphaliae dictae, erhielt das Westfalentum […] seine erste Selbstdarstellung, wurde nunmehr auch literarisch mündig.«  (Paul Casser).
Rolevinck entwirft ein Idealbild vom Westfalen. Er sei von überschäumender Heimatliebe erfüllt, fleißig, schlicht, ernsthaft, zäh, treu, zurückhaltend, praktisch veranlagt, fromm und von seiner Gesinnung her – konservativ.
Soviel Patriotismus sollte nicht unwidersprochen bleiben. In Voltaires Candide (1759) verkörpert ausgerechnet ein Westfale das Urbild des tölpelhaften Helden. Das Schloß des westfälischen Barons Thunder-ten-tronckh besitze – so spottete Voltaire – sogar Türen und Fenster, womit er auf die damals in allen Bereichen sichtbare Rückständigkeit Westfalens anspielte. Dies wiederum rief den Osnabrücker Aufklärer Justus Möser (1720-1794) auf den Plan. In seinen Westphälischen Beyträgen zum Nutzen und Vergnügen (vieles hiervon wurde später in seinen von Johann Wolfgang von Goethe geschätzten Patriotischen Phantasien wirksam), entwarf er ein über Jahrzehnte hin wirksames Westfalenbild, das in den wesentlichen Zügen dem Rolevincks ähnelte.
Das Westfalenthema ist aus der westfälischen Literatur des 19. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Der Bogen spannt sich bis hin zu den heimattümelnden und zum Teil völkisch verengten Westfalenromanen der Jahrhundertwende. Keine deutsche Landschaft – mit Ausnahme Bayerns – wurde so oft literarisiert und stilisiert wie Westfalen.


Wie es um die Selbstdarstellung und Außensicht der westfälischen Literatur Anfang des 19. Jahrhunderts bestellt war, geht aus dem Prolog des von Karl Gottlieb Horstig (s. Bückeburg) und Christian Ulrich von Ulmenstein (s. Bückeburg) herausgegebenen Westphälischen Taschenbuchs auf das Jahr 1801 hervor.

Dort heißt es einleitend:

»Aus Westphalen kommst du, dem Lande der Schinken und Würste? / Armes Taschenbuch, du! wie wird es dir wohl ergehn? / Kann aus Westphalen, dem feisten und wohlernährten Lande, / Etwas kommen, was noch mehr als Körper verspricht? / Sind da die Menschen auch Menschen? […] Der Prolog schließt: Gehe dann, Büchlein! erzähl dem forschenden Ohre des Lesers, / Daß bei Westphälingern auch Glück und Zufriedenheit wohnt!«


Literarische Stätte: Werner Rolevincks Wohnstätte war das Kartäuserkloster St. Barbara in Köln.