Nieheim-Erwitzen

»Mir ist die Gestalt dieses kindlichen Weisen, der mich seiner Freundschaft gewürdigt hat, zu lieb, um die große Zahl der von ihm handelnden Anekdoten bereichern zu mögen. Wenn irgendein Mensch, der mir begegnet ist, als Genie bezeichnet werden darf, so Peter Hille. Alle Geschichten, die man von ihm erzählt, stammen aus den Eigenschaften, die sein Genie begründen. […] Diese Eigenschaften, deren Personifizierung Peter Hille ist, sind: Leben aus der Eingebung des Augenblicks, zeitlose Hingabe an Welt und Menschheit, Verbundenheit mit allen Leidenden im Wissen um Freiheit und Glück.« (Erich Mühsam)

Wie viele andere westfälische Schriftsteller verließ auch Peter Hille (1854-1904) seine Heimat, bekannte sich aber zu ihrem prägenden Einfluß:

»Ich bin ein Sohn der roten Erde. Westfalus est sine pi, sine pu, sine con, sine veri. Schamlos lügt der Westfale, gottlos und ohne Gewissen. Aber trotzdem bin ich auf keinen grünen Zweig gekommen, kein glückhafter Abenteurer. Bin bis zu dieser vorgerückten Stunde meines Lebens ein fahrender Scholar verblieben. Von meiner Stammesart habe ich vermutlich nur die Zähigkeit, die mir noch zum Sieg verhelfen wird. Die andere Grundeigenschaft der roten Erde: das Bauernerbe Schlauheit besitze ich in dem Grade negativ, daß ich mir vorgenommen habe, nur durch innigste, lauschend gestaltende Aufrichtigkeit mich zu behaupten.«

Westfalen ist in seinem Werk vielfältig präsent, insbesondere im Spätwerk, dem postum erschienenen Roman Die Hassenburg. Er spielt in der Landschaft zwischen Detmold, der Egge, Nieheim und Schwalenberg. Aber schon sein Aphorismus Heimat ist Heimweh und Sehnen nach allen Weiten besagt, dass er keineswegs der unselig endenden Heimatkunstbewegung zuzuordnen ist.
Den impressionistischen Lyriker, Dramatiker und Erzähler Peter Hille, den König der Aphorismen, führte ein rastloses, durchweg brotloses Vagantenleben unter anderem nach Leipzig, Bremen, London, Amsterdam, Bad Pyrmont, Zürich, Rom, Hamm und immer wieder Berlin. Man nannte ihn deshalb auch den Literatur-Zigeuner. In Berlin wurde er in seinen letzten Lebensjahren zu einer literarischen Legende. Er lebte bei Freunden oder auch unter freiem Himmel. Eine feste Bleibe fand er erst in der von Julius Hart (s. Münster) gegründeten Neuen Gemeinschaft. 1903 richteten seine Freunde für ihn im Berliner Weinlokal Dalbelli das literarische Cabaret Zum Peter Hille ein.
Hille selbst über sich:

»Peter Hille: Feuer hinter Schloß und Riegel. Inneres Schicksal verdunkelt, Äußeres sperrt's ein, und so zappelt sich ab dies Meerwunder der Erfolglosigkeit bis an sein kühles Grab. Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht nicht ward.«
»Zwar hat Hille auch Romane publiziert, doch war die gedankliche Komposition seine Sache nicht. Er, der seine genialisch-wirren Manuskripte, notiert auf Papierschnitzeln, Zigarrentüten, Kalenderblättern, Zeitungsrändern, auf seinen Wanderungen in einem riesigen braunen Sack mit sich schleppte, schrieb seine Einfälle rasch nieder; später hatte er nur selten Lust und Geduld, sie methodisch zu ordnen.«(Jürgen P. Wallmann)
Else Lasker-Schüler (s. Geseke), die mit Hille eng befreundet war, mystifizierte ihn zwar, u.a. in ihrem Peter-Hille-Buch, erkannte in ihm aber auch den religiösen Dichter. Seine epische Meditation Das Mysterium Jesu, viele Gedichte und Aphorismen weisen Hille darüber hinaus auch als einen poetischen Mystiker aus. In der ehemaligen DDR erlebte Hille Massenauflagen, weil er hier zur Identifikationsfigur für gelebten Individualismus wurde.


Literarische Stätte: Hilles Geburtshaus in Nieheim-Erwitzen dient als Archiv, Dokumentations- und Begegnungsstätte. Am Rande des Walddörfchens steht ein Hille-Gedenkstein; die Pflege von Hilles Grabstätte in Berlin-Mariendorf auf dem St. Matthias Friedhof (hinter der St. Fidelis-Kirche an der Röblingstraße) obliegt seit 1938 dem Westfälischen Heimatbund.
Die 1983 gegründete Peter-Hille-Gesellschaft bemüht sich, durch jährliche Wochenendseminare und Publikationen Hille aus seiner Dichtung neu zu erschließen. Zweimal jährlich gibt sie die Hille-Post und seit 1984 jährlich die Hille-Blätter heraus, außerdem finden Lesungen und Vorträge im Hille-Haus statt.