Oelde-Lette

Jodocus Donatus Hubertus Temme (1798-1881), der Dichter mit den schönen altertümlichen Vornamen, trägt ein schriftstellerisches Janusgesicht. Als Kritiker ging er unerbittlich mit der populären Literatur seiner Zeit ins Gericht, andererseits bestritt er aber – unter dem Pseudonym Heinrich Stahl – mit reißerischen Romanen und Kriminalnovellen (Die Verbrecher; Der tolle Graf; Eine rätselhafte Erscheinung; Dunkele Taten; Die Liebe im Kloster) seinen Lebensunterhalt. In seinen Erinnerungen (postum 1883 erschienen) hat Temme keinen Hehl daraus gemacht, dass für ihn die klingende Münze erstes Schreibmotiv war. Nur durch die Vielschreiberei war es ihm möglich, seine Familie zu ernähren. Der Hintergrund: »Der zeitnahe Kämpfer für Freiheit und Recht, der hitzigste Kämpfer gegen die erstarkende Reaktion« (Wilhelm Schulte), hatte es sich wiederholt mit seinen preußischen Dienstherren verdorben, war bis Tilsit verbannt, später sogar zweimal wegen Hoch- und Staatsverrats inhaftiert und schließlich ganz aus dem Staatsdienst entlassen worden. Das war das Ende einer zweifellos aussichtsreichen juristischen und politischen Karriere.
Temmes Entlassung aus dem Gefängnis in Münster – die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen waren nicht haltbar – wurde stürmisch gefeiert, im bekränzten Wagen zogen Studenten und Bürger ihren Freiheitshelden durch die Straßen. Der Kladderadatsch brachte ein Spottgedicht, dessen erste Strophe lautet: Er kam zurück in seinen Bereich / Ein treuer Volksvertreter, / Da schrie'n die Herrn Kollegen gleich: / ›Der ist ein Hochverräter! / Mit solchem Linken werden wir / Das Recht doch nicht verwalten hier – / Der Temme der m u ß sitzen! ‹
Zahlreiche Solidarisierungsaktionen folgten, auch die Möglichkeit auf eine neue Anstellung. Temme aber wollte unabhängig bleiben. Der endlosen Drangsalierungen überdrüssig, wanderte er 1852 nach Zürich aus. Feder und Tinte find ich überall, heißt es in seinen Erinnerungen. Damit war das Kapitel ›Temme als Romanschriftsteller‹ aufgeschlagen, das bis 1881 währt, ein freilich oft genug trostloses Kapitel. Nach Ansicht Temmes konnte ein Schriftsteller, da er nun einmal auf seine Phantasie angewiesen war, nur bei freier Gemüthsruhe schaffen; gerade diese aber war ihm nicht vergönnt. Quantitativ mußte er seine schriftstellerische Produktion von Jahr zu Jahr steigern, was zu Lasten der literarischen Qualität ging. Dennoch waren einzelne Werke bis nach New York verbreitet. Durch viele Veröffentlichungen in der Zeitschrift Gartenlaube kannte man Temme in ganz Deutschland.
Temmes zweites literarisches Standbein, mit dem er sich besondere Verdienste erwarb, war die Sammlung von Volkssagen, die er mehrbändig 1831, 1837, 1839 und 1840 herausgab. Dahinter verbarg sich ein regional-pädagogisches Anliegen: »Westfalen ist lange Zeit die verschrieenste Provinz Deutschlands gewesen und man hat ihr konsequent auch lange Reichtum an Sagen abgeleugnet; aber glücklicherweise konnte dies Leugnen den wirklich vorhandenen Reichtum nicht aufheben. Westfalen ist reicher an Sagen, an geschichtlichen wie an eigentlichen Volkssagen, als irgend eine andere Gegend unseres Vaterlandes, den Rhein und einzelne Gebirge, z.B. das Riesengebirge, etwa ausgenommen.«
Erst heute findet eine weitere Seite von Temme stärkere Beachtung. Seine Äußerungen in westfälischen Unterhaltungsblättern wie dem Hermann weisen ihn als kritischen Beobachter der literarischen Kultur Westfalens aus. Hier setzte er sich ironisch-satirisch mit den dubiosen Schriftstellerprodukten seiner Zeit auseinander, etwa indem er über blutrünstige Novellenschreiber herzog, die in Wirklichkeit niemandem etwas zuleide tun könnten. Hier wetterte er auch gegen die damals in Westfalen grassierende Walter Scott-Mode, gegen seichte ›Frauenzimmer-Lectüre‹ und die Inflation von Historienschinken und Schauer- und Ritterromanen, die das Land überzogen.


Literarische Stätte: Geburtshaus Haus Steiling in der Möhlerstraße 58.


Auf dem zu Oelde gehörenden Landsitz Nottbeck wohnte Max von Oer (1806-1846), ein Verfasser romantischer Gelegenheitsgedichte, die in seine Sammlung Meteorsteine (1835) einflossen.