Minden

Aus der Feder von August Rudolf Jesaias Bünemann (*1716 Minden – †1774) stammen verschiedene juristische, historische und theologische Abhandlungen. Der Jurist im Staatsdienst gab aber auch Gedichte und Reden (Frankfurt/Main 1742) und Satyren (Frankfurt/Main, Leipzig 1762) heraus. Von Minden handelt seine Schrift De rusticis Mindensibüs (1750). Bünemann starb als Kurpfälzischer Hofrat in Hannover.


Eine Zeitlang in Minden lebte Henriette von Hardenberg (*1788 Naumburg/Herzogtum Oldenburg – †1868; Pseudonym: S.J.F. Wendal, S.J.F. Walden), eine Tochter Friedrich Leopold von Stolbergs (s. Münster-Gremmendorf, Hörste-Stockkämpchen). 1812 heiratete sie den preußischen Politiker und Staatskanzler Karl von Hardenberg. Nach dessen Tod war sie Oberhofmeisterin der Königin von Sachsen. Später lebte sie lange in Dresden, wo sie auch verstarb.


Auch Agnes Franzky (*1794 Militsch/Schlesien – †1843 Breslau; Pseudonym: Agnes Franz) lebte zeitweilig in Minden. Sie verfaßte zahlreiche Gedichtbände, Fabeln, Parabeln, Sagen, Märchen und Erbauungsbücher.


Über Sophie Friederike Martini geb. Fersen (1743-1803) ließ Moritz Schwager (s. Bielefeld-Jöllenbeck) in Peter Florens Weddigens (s. Bielefeld) Neuem fortgesetzten Westphälischem Magazin verlauten: »Minden hat eine schätzbare Dichterin, die verwitwete Fr. Prorectorin Martini, die auch im Aussenlande geachtet wird. Ihre Gelegenheitsgedichte zeichnen sich aus durch naive überraschende Wendungen, ihre Oden durch einen männlichen, kühnen Flug und ihreErzählungen durch treffenden Witz. In den früheren Jahren sang sie oft, jetzt läßt sie sich selten hören. Nach ihren eigenem Geständniß haben die Thaten Friedrichs des Großen zuerst ihre Laute gestimmt.«


»Elise von Hohenhausen muß zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Übersetzern aus dem englischsprachigen Raum zu Beginn des 19. Jahrhunderts gezählt werden. Sie gilt bis heute als eine der Hauptträger der ByronBegeisterung in Deutschland.« (Claudia Belemann).

Elise von Hohenhausen geb. von Ochs (*1789 Waldau bei Kassel – †1857 Frankfurt/Oder), Tochter eines Generals und Militärschriftstellers, unternahm bereits 10jährig erste, allerdings von der Familie nicht geduldete literarische Versuche. 1809 ging sie auf Betreiben ihrer Mutter eine mehroderminder mißglückte Konvenienzehe (Belemann) mit Leopold von Hohenhausen ein. Von ihren drei Kindern wurde Elise Rüdiger (s. Münster) später selbst schriftstellerisch tätig.
Seit 1810 veröffentlichte Flise von Hohenhausen, von ihrem Mann gefördert, Gedichte im Cottaschen Morgenblatt und seit 1812/13 in der Zeitschrift für die elegante Welt. Es folgten, aus beruflichen Gründen ihres Mannes, Umzüge nach Münster, Minden und Berlin, wo die Familie von 1820 bis 1824 lebte. 1816 wurde Elise von Hohenhausen für ihren ersten Gedichtband Frühlingsblumen mit der Großen Goldenen Preismedaille des Königs von Dänemark ausgezeichnet. Ab 1817 war sie maßgebliche Gestalterin des Mindener Sonntagsblatts und Mitarbeiterin an gefragten Blättern. Zugleich legte sie den Grundstein für ihre Karriere als Übersetzerin. Diese zweite Seite ihres Schaffens machte es ihr möglich, in der schwierigen Berliner Zeit ihre Familie finanziell zu unterstützen. Ab 1822 verkehrten in ihrem bekannten Berliner Literatursalon unter anderem Karl Leberecht Immermann, Heinrich Heine, Karl Simrock, August Varnhagen van Ense, Apollonius Maltiz und Josef von Eichendorff. Darüber hinaus entwickelten sich Kontakte zu Rahel Varnhagen, Bettina von Arnim, Friedrich de la Motte Fouque, Adalbert Chamisso, Helmina von Chezy und dem Fürsten Hermann von Pückler-Muskau.
In den 1820erJahren erschienen Elises erste größere Byron-Übersetzungen. Der endgültige Durchbruch als geschätzte Übersetzerin gelang ihr damals durch die Mitarbeit an einer deutschen Byron- und Walter Scott-Ausgabe.
Der Selbstmord ihres Sohnes Karl im Jahre 1834 bewirkte eine grundlegende literarische Umorientierung. Die Autorin vollzog den Wechsel von religiös indolenter, liberaler Weltanschauung zur literarischen Führerin einer »militant geistlichen Restauration« : Damit tritt sie in Gegnerschaft zum jungen Deutschland (Markus Hänsel). Grabbe hatte sie schon vorher in Scherz, Satire und Ironie aufs Boshafteste verspottet.
Nach der Rückkehr von Berlin gründete Elise von Hohenhausen in Minden erneut einen literarischen Salon, über den sich ein Kontakt zu Ferdinand Freiligrath (s. Detmold u.ö.) ergab. Mit ihrer Familie zog sie 1844 nach Kassel, kehrte aber 1849, nach dem Tode ihres Mannes, nach Minden zurück. Ab 1854 wohnte sie mit ihrer Tochter Elise und deren Mann in Frankfurt/Oder. Dort verstarb sie 1857. Ihre Tochter Elise publizierte später unter dem Namen ihrer Mutter, was in der Literatur manche Verwirrung gestiftet hat.
Elise von Hohenhausen gilt als ›Entdeckerin‹ und Förderin Heines, mit dem sie seit 1819 bekannt war und den sie 1852 noch einmal in Paris aufsuchte. 1839 erfolgte eine kurze, im Persönlichen folgenlose Bekanntschaft mit Annette von Droste-Hülshoff. Durch Vermittlung ihrer Tochter beteiligte sich Elise von Hohenhausen nicht unmaßgeblich an der frühen Droste-Rezeption (von ihr stammt zum Beispiel die erste Rezension einer Gedichtausgabe der Droste). Die Droste wiederum half 1845, eine späte Erzählung Elise von Hohenhausens zum Druck zu befördern.

Leopold von Hohenhausen (Herford 1779Kassel 1848), Ehemann der Vorgenannten, war zunächst westfälischer Unterpräfekt in Eschwege/Hessen und Auditor (Rechtsberater am Militärgericht) des Staatsrats im Königreich Westfalen, bevor er von 1815 bis 1816 in Münster Mitglied der provisorischen Regierung wurde. 1817 erfolgte mit der Versetzung nach Minden der Abstieg zum einfachen preußischen Regierungsrat (Belemann). In den Jahren 1820 bis 1824 blieb ihm, mutmaßlich wegen seiner liberalen Gesinnung, in Berlin eine bessere Stellung im preußischen Staatsdienst versagt, so dass er als Regierungsrat nach Minden zurückkehrte und hier das mißliebige Amt eines Zensors ausüben mußte. 1844 pensioniert, verzog er mit seiner Familie nach Kassel, wo er 1848 starb.
Hohenhausen begann seine publizistische Tätigkeit 1814 als Korrespondent des Hamburgischen unpartheiischen Korrespondenten. 1817 war er Mitbegründer des Mindener Sonntagsblatts, nachdem er bereits in Eschwege ein Sonntagsblatt herausgegeben hatte. Aus Rücksicht auf seine Anstellung im preußischen Dienst legte er bereits im selben Jahr die Redaktion in die Hände seines Freundes Nikolaus Meyer (1775-1855). Mit diesem gründete er auch die Westphälische Gesellschaft für vaterländische Cultur (1825-1866) und gab deren Organ, die Westphälischen Provinzialblätter, heraus.
Das Mindener Sonntagsblatt erlangte überregionale Bedeutung. 1823 betrug die Auflagenzahl stolze 1.000 Exemplare. Es fand unter anderem den Beifall Johann Wolfgang von Goethes. Das Sonntagsblatt war ein früher Publikationsort Hoffmann von Fallerslebens (s. Höxter-Corvey u.ö.) und Heinrich Heines (s. Paderborn, Unna). Ferdinand Freiligrath (s. Detmold, Soest uÄ), Levin Schücking (s. Münster, Sassenberg u.ö.) und Friedrich Wilhelm Weber (s. Bad DriburgAlhausen, Nieheim u.ö.) gaben hier ihr literarisches Debüt. Im Kreis Minden blieb es lange die einzige Zeitung. Hohenhausen verkaufte das Blatt, das über einen großen Mitarbeiterstamm verfügte, 1842 an die Müllersche Druckerei.


Aus Minden stammt auch Gertrud von Le Fort (1876-1971) (s. Schwerte-Villigst), Verfasserin von Romanen und Erzählungen meist historischen oder legendenhaften Inhalts, die um religiöse Fragen kreisen (Das Schweißtuch der Veronika). Die Dichterin war Trägerin des Großen Kunstpreises von Westfalen und Ehrenpräsidentin der DrosteGesellschaft.
In ihren Erinnerungen Hälfte des Lebens (1965) brachte die Autorin zum Ausdruck, dass ihre westfälische Herkunft keinen bestimmenden Einfluß auf ihren literarischen Werdegang ausübte:

»An Minden als meine Geburtsstadt habe ich fast keine Erinnerungen, da ich sie schon als kleines Kind verließ. Ich kann sie nicht eigentlich als meine Heimat, sondern eben nur als zufällige Geburtsstadt betrachten.«


Literarische Stätte: Geburtshaus in der Mindener Weingartenstraße 30.


Max Bruns (1876-1945), ein von Richard Dehmel, Alfred Mombert, Stefan George und Rainer Maria Rilke beeinflußter vorexpressionistischer Lyriker, übersetzte gemeinsam mit seiner Frau Margarete Bruns geb. Sieckmann als erster Stephane Mallarme, Charles Baudelaire und Paul Verlaine ins Deutsche und brachte deren Werke in seinem Mindener Verlag heraus. Bruns' umfangreiches eigenes schriftstellerisches Werk ist heute zu Unrecht vergessen.

Literarische Stätten: Geburtshaus in der Obermarkstraße 26; Grab auf dem Mindener Friedhof.


Nikolaus Meyer (1775-1855; Pseudonyme: Viktor; N. Langbein) war wie Leopold von Hohenhausen ein umtriebiger Publizist und Herausgeber. Sein Vater war Juraprofessor am Bremer Gymnasium Illustre. Nach Privatunterricht durch Friedrich Adolph Krummacher (s. Tecklenburg) besuchte er seit dem 14. Lebensjahr das Bremer Gymnasium und seit dem 16. Lebensjahr das Gymnasium in Halle/Saale. 1793 begann er an der Universität Halle das Studium der Medizin, das er später in Kiel und Jena fortsetzte. Im Winter 1799/1800 lebte er im Hause Johann Wolfgang von Goethes in Weimar. Hieraus erwuchs mit Goethe, Christiane Vulpius und Goethes Sohn August ein umfangreicher Briefwechsel. Mit Goethe blieb er bis zu dessen Tod im Kontakt. Seit 1802 war Meyer Arzt in Bremen und seit 1808 Arzt in Minden. Im Jahre 1817 übertrug ihm Leopold von Hohenhausen die alleinige Herausgeberschaft des Mindener Sonntagsblatts.


Literarische Stätte: Grab auf dem Friedhof von Hausberge (Porta Westfalica).


Hinweise: Johann Gottfried Herder (1744-1803) weilte oft in Minden. 1772 machte hier auch Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) Station, um das Schlachtfeld des Siebenjährigen Krieges zu besichtigen.

Im Sommer 1795 begegnete der Besatzungsoffizier Friedrich de la Motte Fouque (1777-1843) in Minden der 15jährigen Elisabeth Breitenhauch, dem Vorbild seiner Undine.

Von 1848 bis 1850 wohnte Louise von François (1817-1893) im Hause ihres Onkels Karl von François, des damaligen Festungskommandanten.

Henry Millers (1891-1980) Großvater Heinrich Miller lebte bis zu seiner Emigration (um 1860 floh er vor dem Militärdienst nach New York) als Schneidergeselle in Minden. Sein Enkel besuchte Minden Ende der 50er Jahre.

»Mein Großvater muß ein Idiot gewesen sein, so einen idyllischen Ort zu verlassen, um nach New York zu gehen. Es war wunderschön da, in Minden bei Hannover – wie eine Postkarte, es warPerfektion.« (Henry Miller: Reflections. Autobiographische Essays)

Das reiche literarische Leben Mindens im 18. und 19. Jahrhundert vervollständigt die folgende Liste mit Schriftstellerinnen: Valeska Bolgiani geb. Müller (*1830 Minden – †1876 Mailand; auch: Voigtel-Bolgiani; Pseudonym: Arthur Stahl); Adele Clemen (*Minden 1836) – Sophie George geb. Paalzow (*Altmark 1788 – †1850 Minden; Pseudonym: Sophie); Caroline von Humboldt geb. von Dacheröden (*1766 Minden – 1829 Schloß Tegel/Berlin); Luise Ernestine Malvina von Humbracht (*1825 Minden – †1891 Bad Nauheim; Pseudonym: Luise Ernesti); Christiane Sophie Elisabeth Martini (*1771 – †1847 Minden); Julie von Nordenflycht, spätere Hofdame in Athen (*1786 Minden – †1842 Athen); Elise Polko geb. Vogel (1823-1899); Marie Schmalenbach geb. Huhold (*1835 Holtrup/Minden – †1924 Menninghütten/Löhne); Ida Carola Stöver (*Barkhausen/Minden 1872).

Die Vereinigung Die Kogge (1924 gegründet, 1934 aufgelöst, 1954 neugegründet) vergibt seit 1953 den Kogge-Ring, der Rat der Stadt Minden seit 1962 alle vier Jahre den Kogge-LiteraturPreis. Im Wechsel mit dem Literaturpreis werden zwei Förder- bzw. Studienpreise für Werke und Werkvorhaben an Mitglieder der Kogge vergeben. 1960 wurde eine NicolausMeyer-Medaille gestiftet.


Schauplatz: In Minden spielen Karl von François' Memoiren Ein Soldatenleben (Hrsg. von C.N. Schwarz-Kloppen. Schwerin 1873) sowie Louise von François' Judith, die Kluswirtin (Roman, 1868) und Natur und Gnade (Roman, 1875).