Sassenberg

Um Leben und Person Levin Schückings (s. Münster, Leopoldshöhe-Barkhausen u.ö.) (1814-1883) ranken sich viele, auch von ihm selbst in die Welt gesetzte Legenden, darunter auch die, dass er das von Johann Conrad Schlaun 1754 errichtete barocke Schlößchen gegenüber der Kirche von Sassenberg bei Warendorf freiwillig als schriftstellerischen Ruhesitz auserkoren habe.

In Wirklichkeit war das 1852 von Schücking erworbene Domizil eher eine Art Fluchtort, den er erst bezog, nachdem er bei der Kölnischen Zeitung brotlos geworden und eine erneute Anstellung beim Cotta-Verlag in Stuttgart gescheitert war.

Wiederholt begegnen in seinen Briefen Klagen über die aufgezwungene Sassenberger Einsamkeit:

»Wie Sie sehen, sitze ich annoch zwischen meinen westfälischen Kuh- respektive Schweineställen, ohne mich noch fortwährend von diesem Arkadien gerade übermäßig gefesselt zu fühlen« (an Gustav Kolb).

»Ich bin melancholisch und menschenscheu geworden – darum wird's auch Zeit, daß ich wieder in die Welt ziehe, in irgend eine Stadt, wenn's nur nicht so horrende theuer wäre […]« (an Karl Gutzkow).

In Schückings Roman Frauen und Rätsel finden sich die Sätze:

0187Fliehen Sie die Einsamkeit! Es ist dem Gedanken nicht gegeben, […] fruchtbar zu werden, wenn er seine Nahrung nicht saugt aus der geistigen Atmosphäre, in welcher die Gesellschaft unserer Zeit lebt.«
Während seiner Sassenberger Zeit erwog Schücking wiederholt einen Wohnortswechsel. Überwiegend lebte er damals in Münster und benutzte das Sassenberg Domizil lediglich als Sommer- und Ferienquartier. Mit baulichen Veränderungen versuchte er, dem schlichten Herrenhaus das Ambiente eines Rokokoschlößchens zu verleihen: nur zu gern umgab sich Schücking mit dem Flair des Adeligen, das auch die Staffage für viele seiner Romane abgibt.


Levin Schücking war der Sohn der ebenfalls schriftstellerisch tätigen Droste-Freundin Katharina Schücking (s. Ahlen). Diese hatte der Droste frühzeitig die Sorge um ihren Sohn ans Herz gelegt. Mit Arbeiten an gemeinsamen Projekten fand die Droste – und hier wurde der Einfluß Schückings wegweisend – Anschluß an die Literatur der Zeit. Seine inspirierende Macht und Bedeutung als kritischer Förderer hat sie dem um 17 Jahre jüngeren Freund wiederholt bescheinigt. Als Rezensent, Biograph und Editor trug Schücking maßgeblich zur Verbreitung ihres Werkes bei. Eben deshalb fällt sein Name meist nur noch im Zusammenhang mit Annette von Droste-Hülshoff, während sein eigenes Werk weitgehend vergessen ist.
Im Jahre 1841 verließ Schücking Westfalen, weil sich ihm hier keine literarischen Erfolgschancen auftaten.

Wie schlecht es ihm hier in seinen schriftstellerischen Anfängen ergangen war, ist in den Briefen Annette von Droste-Hülshoffs nachzulesen. Nur eine von vielen Stellen:

»Der arme Schelm [Schücking] dauert mich sehr und fängt an auch körperlich sichtlich unter seiner Lage zu erliegen. Mit den Stunden hat es keine Art, da niemand Englisch lernen will und für das Französische mehrere geborene Franzosen da sind, die man natürlich vorzieht. So muß er, gesund oder krank, auf Leben und Tod schriftstellern. Er kommt jede Woche hier, so in Schweiß gebadet und abgehetzt, als ob er zehn Stunden gemacht hätte. Es ist traurig, ein gutes Talent und gute Gesundheit so unter seinen Augen verkümmern zu sehn« (an August von Haxthausen, 29. August 1840).
Schücking, dem die Droste ein gutes literaturkritisches, aber nur mäßiges literarisches Talent zusprach, war damals bereits freier Mitarbeiter an Karl Gutzkows Telegraphen für Deutschland und anderen Blättern. Unermüdlich und nicht ohne Erfolg versuchte er, seine literarischen Kontakte systematisch auszubauen. Hierbei halfen ihm zahlreiche persönliche Freundschaften: »Die Geschichte des literarischen Aufstiegs Schückings ist die Geschichte seiner Freundschaften «(Manfred Schier).

Nachdem Schücking den Winter 1841/42 als Bibliothekar Josef von Laßbergs, des Schwagers der Droste, und gemeinsam mit der Dichterin auf Schloß Meersburg zugebracht hatte, wurde er im Frühjahr 1842 Hofmeister in Bayern, bevor er von 1843 bis 1845 als Redakteur bei der Cottaschen Augsburger Allgemeinen Zeitung unterkam. Ab 1845 leitete er das Feuilleton der Kölnischen Zeitung. Dort gescheitert, lebte er ab 1853 als freiberuflicher Schriftsteller in Sassenberg.
Schücking gelang es, trotz eines keineswegs überragenden literarischen Talents, im literarischen Leben Fuß zu fassen. Er hinterließ ein etwa 150teiliges, qualitativ ungleiches Werk aus allen Sparten der Literatur (Romane, Erzählungen, Dramen, essayistische, literaturkritische und publizistische Arbeiten). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte er zu den meistgelesenen deutschen Erzählern.
Levin Schücking heiratete 1843 die protestantische Schriftstellerin Louise von Gall (1815-1855) – entgegen dem eindringlichen Rat seines, wie er sie nannte, Mütterchens Annette von Droste-Hülshoff. In der Tat war Schücking eine Portion Leichtsinn nicht abzusprechen: Er hatte seine Braut bis zur Verlobung nie gesehen – eine Einmaligkeit in der deutschen Literaturgeschichte.


Literarische Stätten: Haus Schücking an der Hauptstraße 3; Grabplatte Luise von Galls vor der Kirche.