Soester Börde

»Paderborn und Soest sind Städte, von denen jeder Reisende mit Entsetzen spricht. Ich teile diese Empfindungen nicht und bin mit Behagen durch diese verfallenen Straßen, altes Gemäuer, Sumpf, Grasflecke, Grünes gestrichen. In beiden Orten gibt es zwischen dem Wasser, Mauerwerk und Baumgewächs Plätze, die zum tiefsten Nachdenken auffordern.« (Karl Leberecht Immermann)


Karl Leberecht Immermann (1796-1840) (s. Münster u.ö.) hatte 1815 als 19jähriger Freiheitskämpfer erstmals Bekanntschaft mit Soest und seiner Umgebung gemacht. In der Folge legte er hier gelegentlich auf der Kutschfahrt von Düsseldorf nach Magdeburg Station ein.
In der Soester Börde spielt ein Roman, der zum Westfalenroman schlechthin geworden ist, Immermanns Münchhausen (1838/39). Aber weniger der gesamte Roman als die darin spielenden Oberhof-Kapitel wurden zum ›Bestseller‹. Es sollte sich bewahrheiten, was Johann Peter Eckermann schon 1844 der Witwe Immermanns geschrieben hatte, dass nämlich die nur locker in den Roman eingeflochtenen Hofschulzen-Teile ein wahres Volksbuch werden könnten, das in jeder Familien-Bibliothek seinen Platz finden werde. In den Jahren 1861 bis 1931 erschienen nicht weniger als 85 separate Ausgaben der Oberhof-Kapitel, im gleichen Zeitraum dagegen nur 16 Gesamtausgaben des Romans.
Immermann wollte im Münchhausen ein kräftiges Bild der westfälischen Lebenswirklichkeit zeichnen. Zu diesem Zweck studierte er sorgfältig westfälisches Brauchtum und ging dem uralten Gang der Dinge bei Hochzeiten, Handel und Gewerbe nach. Gerade seine realistischen Schilderungen von Land und Leuten, von Sitten und Zuständen, fanden Anklang. Ebenso das Westfalenpathos, wie es der Jäger des Oberhofes verkündet: Das ist der Boden, den seit mehr als tausend Jahren ein unvermischter Stamm trat! Und die Idee des unsterblichen Volkes wehte mir im Rauschen dieser Eichen und des uns umwallenden Fruchtsegens fast greiflich möchte ich sagen, entgegen.
Zur weiten Verbreitung des Romans trug auch die Idealisierung des Bauerntums in der Gestalt des urwüchsigen Hofschulzen bei. In ihm wurde ein deutsches Lebensbild von echtem Schrot und Korn gesehen, dessen einfache, traditionsbewußte Lebensphilosophie überzeugte. Einzelne Episoden, vor allem eine Szene zwischen dem Hofschulzen und einem Pferdehändler, die den Gegensatz zwischen Agrarordnung und materiellem Ungeist aufzeigen sollte, fehlte in keinem westfälischen Lesebuch und keiner westfälischen Anthologie. Die satirischen und kritischen Signale des Romans wurden dagegen kaum zur Kenntnis genommen. So wurde z. B. übersehen, dass die Beschreibungen des Bauerntums bereits vergangenheitsbezogen und die alten Zustände – schon zu Immermanns Zeit – von der Moderne verdrängt worden waren.


Lange vor Immermanns Westfalen-Schilderungen war die Gegend um Soest, Lippstadt und Werl Gegenstand von Hans Jakob Christoph von Grimmelshausens (1621-1676) Schelmenroman Der abenteuerliche Simplicissimus (1669). Das alte Kloster Paradiese ist Schauplatz des 29. Kapitels »Wie es einem frommen Soldaten im Paradeis so wohl erging […]«; in Soest selbst spielt das folgende Kapitel »Wie sich der Jäger eingelassen […]«.

»Als Jäger von Soest ziert der Simplizissimus heute das Kirmesplakat, eine Schützenfahne, ein Gasthaus, eine Magerquarkschachtel, als Plastik das Rathaus, eine Marzipantorte, Turnierplakate der Bogenschützen und sogar Autobusse.« (Gerhard Köhn)

Literarische Stätte: Das Kloster Paradiese ist heute nur noch eine Ruine; erhalten ist das Eingangsportal; das Kloster wurde 1820 abgerissen, heute steht an dieser Stelle ein Gutshof.
Schauplatz: Am Hellweg zwischen Dortmund und Soest spielt der Westfalen-Roman Alfred Funkes Der Middelhof (Halle 1925). Eine Weiterdichtung des Simplicissimus-Stoffes birgt Gerhard Menschings Erzählung »Grimmelshausen und der Mörder von Soest«, aus: Die violetten Briefe. Drei kriminelle Novellen (Zürich 1989).