Münster-Nienberge

»Wir leben winterlich, klösterlich still und sacht – man träumt fast, anstatt zu leben«, berichtete Adele Schopenhauer (1797-1849), die Schwester des Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860), über einen Besuch im Rüschhaus im April/Mai 1840, und weiter: »Da ruhe ich denn aus, an der Seite des geistreichsten Wesens, das ich unter Frauen kenne.«

 

 Stimmungsbilder dieser Art sind auch in viele Briefe Annette von Droste-Hülshoffs (s. Münster-Nienberge u.ö.) eingeflossen, die das Rüschhaus von 1826 bis 1846 bewohnte:

 

»Was soll ich Ihnen von meiner Lebensweise sagen? Sie ist so einförmig, wie Sie sie kennen und sie mir grade zusagt: Rüschhaus in seiner bekannten melancholischen Freundlichkeit, […].
Mein Leben ist immer das gleiche, abgeschlossen, heimlich, ganz wie ich es mag; […].
Von meinem hiesigen Leben kann ich Ihnen wenig sagen. Sie sehen e i n e n Tag, damit haben Sie a l l e gesehn. Ich schreibe, lese, was mir die Güte meiner Freunde zukommen läßt, stricke ein klein, klein wenig (abends) und bin zur Abwechslung mitunter unwohl […].
[…] denn überhaupt [ist Rüschhaus] einer der unveränderlichsten Orte […], wo man den Flug der Zeit am wenigsten gewahr wird […].
Du glaubst nicht, wie still ich hier lebe. Niemand weiß recht, ob ich hier oder in Hülshoff bin, und so bleibe ich ganz ungestört, was mir sehr recht ist, denn wenn man krank ist, kann man sich nicht damit abrackern die Honneurs zu machen.
Ich lebe nach der alten Weise still vor mich hin, […] gehe täglich auf ärztlichen Befehl einige Stunden spazieren, amüsiere mich mit meinen Sammlungen, bekomme nun und dann durch meine münsterischen Freunde etwas neue Literatur zu Augen und schreibe mitunter ein paar Zeilen, […].
Sie können sich die Tiefe meiner Verschollenheit gar nicht denken! Kein Brief […], kein neues Buch, keine Zeitung, kein Besuch, […].
Lieber Levin, unser Zusammenleben in Rüschhaus war die poetischeste und das in Meersburg gewiß die heimischeste und herzlichste Zeit unseres beiderseitigen Lebens, und die Welt kömmt mir seitdem gewaltig nüchtern vor.
Könnte ich Dich [Levin Schücking] nur einmal e i n e Stunde wieder hier haben, hinter dem Teller mit aufgesparten Birnen und Nüssen! Es ist doch ein lieber, heimlicher Ort, das Rüschhaus! Zwar klein kam es mir nach dem großen Meersburger Schlosse vor, klein wie ein Mauseloch, aber doch sehr lieb.«


»Ich habe gottlob geringe Bedürfnisse«, schreibt die Droste einmal ihrer Schwester, und ein anderes Mal an die ältere Freundin Wilhelmine von Thielmann: »Ich habe Dir unser Rüschhaus schon öfters beschrieben. Du weißt, daß der Raum beschränkt, unsre ganze Lebensweise höchst einfach ist.«


Wie anspruchslos, geradezu armselig, die Dichterin ihre Zeit im Rüschhaus verbrachte, veranschaulichen auch die beiden folgenden Briefstellen:

 

»Ich lebe hier sehr still für mich, und das ist das Angenehme daran. Es fällt den Leuten in Münster gar nicht ein, daß ich hier sein könnte, sie denken auch nicht darüber nach, denn sie haben mich lange nicht gesehn, und »aus den Augen, aus dem Sinn!« Bei Tage lese ich, schreibe ich, ordne meine Sammlungen, gehe spazieren und stricke Strümpfe ab. Abends zünde ich kein Licht an vor dem Essen, sondern sitze solange beim Feuerschein. Mein Essen besteht mittags aus Suppe, wie die Leute sie essen, Pellkartoffeln und Leber, die ich den Sonntag warm und die übrigen Tage kalt esse. Abends Warmbier und Butterbrot mit Käse. Es ist ein Glück, daß ich immer dasselbe essen kann (Brief an die Mutter). Ach ich habe mich in den letzten vier Jahren, seit ich krank war, sehr verwöhnt, wenigstens in allerlei Wunderlichkeiten zugelassen, z. B. nur eins zu erwähnen, frühstücke ich erst um halb elf, kalte Milch mit kaltem Wasser vermischt, oder mit etwas kaltem Kaffee, esse zu Mittag nichts wie Kartoffeln in der Schale mit etwas allemal kaltem Fleisch, welche Torheit! Und doch hat sich meine Natur so dran gewöhnt, daß warme Speisen mich schon nach einigen Tagen krank machen, deshalb bin ich immer unwohl in Münster« (Brief an Christoph Bernhard Schlüter).


Nur selten unterbrach die Droste ihr Klausnerleben zu Besuchen in Münster. Umso lieber empfing sie ihre dortigen Freunde – Elise Rüdiger (s. Münster), Christoph Bernhard Schlüter (s. Münster, Warendorf) und Wilhelm Junkmann (s. Münster) – zum Besuch; am häufigsten, gewöhnlich dienstags, kam Levin Schücking (s. Münster, Sassenberg u.ö.) und brachte dann immer neuen Lesestoff mit.

 

Ihren Freunden versuchte die Dichterin, solche Besuche im Rüschhaus schmackhaft zu machen:

»Jetzt ist's hier so schön! Alle Syringen und Gewürzsträuche in voller Blüte, so daß der Duft sogar durch die geschlossenen Fenster dringt, […].«


Im Rüschhaus fand die Dichterin die rechte Schreibstimmung vor:

»[Ich] habe […] mich in meine Winterpoesie gehüllt; es ist doch sonderbar, daß zum Dichten eigentlich schlechtes Wetter gehört, […].«

 

 Sie konnte sich jedoch nicht nur ihrer Muse hingeben:

»In Rüschhaus habe ich Tag für Tag die Besuche empfangen, Berichte der Dienstboten angehört und mich meiner Mutter sehr wiederholten Anrufen persönlich gestellt. In der Tat, ich war dessen so gewohnt, daß ich nicht muckste, in der Hälfte eines Verses abzubrechen, was mich manchen guten Gedanken oder manchen eben gefundenen Reim   gekostet hat.«

 

 Dennoch entstanden im Rüschhaus viele wichtige literarische Werke der Droste, unter anderem Teile des Geistlichen Jahres und Die Judenbuche.


Von Levin Schücking und Elise Rüdiger besitzen wir ausführliche Schilderungen der Rüschhauser Atmosphäre. Eine wenig bekannte Schilderung aus dem Jahre 1835 findet sich im Tagebuch Christoph Bernhard Schlüters:

 

»Wir begaben uns, nachdem wir früh zur Kirche gewesen, an diesem wundervollen Pfingstmorgen, wo es noch kühl war, auf den Weg. Das Fräulein war überaus freundlich, gutherzig und überlebendig, sie war sichtbar froh, daß sie es endlich erreicht hatte, uns einmal auf Mittag und den ganzen Tag bei sich zu haben. […] Das Fräulein unterhielt uns vortrefflich, sie kam auf ihre älteren Gedichte und Schriften, ging, als der Kaffee aufgetragen war, in's Haus und kehrte mit einer Schürze voll Manuskripten, die in Päckchen zusammen gebunden waren, zurück, die sie auf die Bank neben uns ausschüttete. Als wir zu trinken begonnen, und ein anderes Päckchen vom kreuzenden Faden befreit, uns gelesen werden sollte, kam der gute, alte Vikar Wilmsen, um sich zu uns zu setzen. Da er keinen Platz fand, so hieß das Fräulein ihn sich auf die Papiere setzen, denen es nicht schaden werde.«


Haus Rüschhaus ist heute eine von wenigen, in ihrer Ursprünglichkeit erhaltenen Dichterstätten. Es wird jährlich von etwa 20.000 Gästen besucht. Zur Zeit der Droste wurde es noch bewirtschaftet. Der Garten war vorwiegend ein Nutzgarten mit Gemüsebeeten und Obstbäumen. Kommt die Autorin auch hierauf zu sprechen, tritt uns der Dichteralltag in seiner manchmal profansten Form vor Augen: »Hermann backt jetzt Pflaumen, wir haben Obst in Überfluß, auch Kartoffeln und Gemüse ist gut geraten und das Korn gut zu Hause gekommen. Wir haben auch ein Viertel von einem Rinde gekauft und eingesalzen, und das Schweinchen nimmt gut zu. Kurz, es ist alles wie es muß in einer wohlgeordneten Haushaltung.«