Münster-Roxel

Einblicke in das Landleben im spätbiedermeierlichen Westfalen vermittelt Annette von Droste-Hülshoffs Romanfragment Bei uns zu Lande. Dort liefert die Dichterin in einem auf dem Stammsitz der Familie spielenden Kapitel (»Der Herr und seine Familie«) nicht nur lebensechte Porträts ihrer Eltern und der herrschaftlichen Hausordnung, sondern in der Person des Fräulein Sophie auch ein halbes Selbstporträt. Überhaupt bezog die Dichterin ihre Stoffe am liebsten aus ihrem unmittelbaren Lebens- und Erfahrungshorizont. In der Schilderung des Naturgetreuen, durch Poesie veredelt, erkannte sie ihre eigentliche literarische Stärke.


So verwundert es nicht, dass auch ihr Geburtshaus, die Wasserburg Hülshoff in der Nähe des heutigen münsterischen Stadtteils Roxel, außer im genannten Romanfragment auch in zwei Gedichten poetische Spiegelungen erfährt:

»Du Vaterhaus mit deinen Türmen, / Vom stillen Weiher eingewiegt, / Wo in meines Lebens Stürmen, / So oft erlegen und gesiegt,] / Ihr breiten laubgewölbten Hallen, / Die jung und fröhlich mich gesehn, / Wo ewig meine Seufzer wallen, / Und meines Fußes Spuren stehn!« (aus: Grüße, 1841/42)


»Auf meiner Heimat Grunde / Da steht ein Zinnenbau, / Schaut finster in die Runde / Aus Wimpern schwer und grau, / An seiner Fenster Gittern / Wimmert des Kauzes Schrei, / Und drüber siehst du wittern / Den sonnentrunknen Weih.« (aus: Das erste Gedicht, 1841/42)


Der weitere Verlauf des zweiten Gedichtes schildert, wie ein Kind heimlich die Wendelstiege erklomm, um hinter dem Hahnenbalken ein heimlich Ding, sein erstes Gedicht, zu verstecken:

»Das sollten Enkel finden / Wenn einst der Turm zerbrach, / Es sollte etwas künden / Das mir am Herzen lag, […].«


Man möchte auch diese letzten Verse autobiographisch deuten. Die Dichterin hatte aufgrund ihrer schriftstellerischen Interessen zeitlebens einen schweren Stand in ihrer Familie, hätte manchen Vers am liebsten geheimgehalten.


Wenig beachtet worden ist bisher ihr dramatischer Jugendscherz Szenen aus Hülshoff. In amüsanter Weise hören wir darin, dass mit der jungen Droste (›Nette‹) manchmal nicht zu spaßen war:

»W e r n e r (lachend): Schweig und mäß'ge deine Zunge, Zwar du kannst ihr manches sagen, Aber dies darfst du nicht wagen, Nenn sie Hexe und Kokette, Aber nur nicht kleine Nette!«

Der selbstbestimmte Gestus der Droste findet sich in einer Reihe anderer Jugendverse wieder, etwa in »Unruhe« (1816):

»Fesseln will man uns am eignen Herde / Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum, / Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde, / Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!«


Nach ihrem Umzug ins Rüschhaus im Jahre 1826 hat sich die Droste in ihrem Elternhaus nicht mehr sehr zuhause gefühlt. Lediglich zwei- bis dreimal jährlich, meist anläßlich der hohen kirchlichen Feiertage, wenn im Rüschhaus keine Messe gehalten werden durfte, kam sie zur wenige Kilometer entfernten Burg herüber. Ein Grund für die Seltenheit der Besuche war auch, dass ihr dort die Ruhe zur literarischen Arbeit fehlte:

»Zu Hülshoff ist man des Abends müde wie ein Drescher und hat doch ganz und gar nichts zuwege gebracht, denn wenn ich auch auf meinem Zimmer bin, kann ich höchstens lesen oder etwas zeichnen, so dringt der Lärm durchs ganze Haus, und obgleich ich mich immer abschließe, hören die Kinder doch nicht auf vor meiner Tür zu bollern, da sie vor Langeweile nicht wissen, wie sie den Tag hinbringen sollen, und zuweilen mache ich mich auch auf, weil sie immer unten ihr Leid klagen, daß Tante Nette sie nicht haben will.«


Auch aus diesen Gründen entstand in Hülshoff fast nur das Frühwerk der Dichterin, aus dem hier – wegen seiner biographischen Bezüge – noch das Jugenddrama Berta und das Romanfragment Ledwina besonders genannt sein sollen.


Literarische Stätten: Annette von Droste-Hülshoffs Geburtshaus und Wohnstätte bis 1826, die Wasserburg Hülshoff, ist heute teilweise als Droste-Museum eingerichtet. Im damals anspruchlosesten Raum des Schlosses, mit Feldbett, Kanonenofen und gekälkten Wänden, soll Annette von Droste-Hülshoff zur Welt gekommen sein.