Harald Hartung ist Autor, Kritiker und Anthologist. In allen Bereichen wird ihm höchste Anerkennung zuteil. Seine selbständigen literarischen Veröffentlichungen setzen 1970 mit der Gedichtsammlung »Hase und Hegel« ein. In einer Hochphase der politischen Bewegung provoziert die Sammlung geradezu durch ihr verfremdendes Spiel mit Zitaten aus deutscher und internationaler Lyrik. Der verbreiteten Ansicht, Dichtung habe sich gesellschaftlich zu engagieren, erteilte Hartung eine klare Absage: Elemente aus Sprichwort, Redewendung, Märchen oder Bibel werden nach Belieben eingestreut und verfremdet. Oft sind sie ironisch oder lakonisch gebrochen. Seit seinem zweiten Gedichtband, »Reichsbahngelände« (1974), tritt das Private mehr in den Vordergrund, sei es in Form von Reiseeindrücken, Personenbeobachtungen, Stillleben, Liebesgedichten oder autobiografischen Rückschauen in Kindheit, Jugend und Elternhaus. Mit »Augenzeit« (1978) gewinnt das mediterrane Ambiente an Einfluss. In den Gedichtbänden (»Jahre mit Windrad«, 1996) und »Langsamer träumen«) treten die Themen körperlicher Verfall und Krankheit hinzu, die mal lakonisch-selbstironisch (»Mobilat«), mal existentiell durchgespielt werden.
Bei Hartungs Texten steht das Sinnlich-Elementare im Vordergrund. Persönliches, Liebe, Erotik – all das kann Gegenstand von Lyrik sein. Auch meditative Texte werden »zugelassen«: »Ich könnte stundenlang zusehn / wie es schneit / den Silben des Schneefalls / die Worte bilden und Sätze / und langsam die Bäume beschweren / bis alle Zeilen gefüllt sind / und das Papier wieder weiß.«
Hartung hält es mit der Maxime: »Ein perfektes Gedicht ist wie ein perfekter Mord«. Beiden merke man nicht an, wie viel Präzision und Arbeit dahinter stecke. Mit der Kunstfertigkeit seiner eigenen Verse betreibt Hartung keinen äußeren Aufwand. Die formale Meisterschaft bleibt (wie so vieles in diesen Gedichten) eher verdeckt. Die »unauffällige formalistische Perfektion« kommt vor allem in einer exakten, antikisierenden Silbenzählung zum Ausdruck. Der eher spröde prosaische Duktus wird hierdurch rhythmisch akzentuiert. Hinter der Hartungschen Poetik ist – so Heinrich Detering – die »Idee einer verborgenen Ordnung« zu entdecken und einer »Schönheit, die sich beinahe verlegen ins Unauffällige und Ungefällige« kleide. Alles gehe »ganz leise und leicht« vonstatten und dabei drehe es sich »um Leben und Tod«. Hartungs Lyrikband »Langsamer träumen« (2002) sei in dieser Hinsicht ein »wunderbar abgründiges Buch«, das es rechtfertige, Hartung zu den »derzeit wichtigsten Lyrikern im Lande« zu zählen.
