Brakel-Bökendorf

»Schloß Bökerhof war um 1815 das erste wirkliche literarische Zentrum in Südostwestfalen mit allerdings mehr biedermeierlich sichtenden als romantisch schöpferischen Aktivitäten.« (Winfried Freund)

Die Gegend um Bökendorf und Abbenburg bei Brakel war die Heimat von Annette von Droste-Hülshoffs Mutter, die dem einflußreichen Geschlecht von Haxthausen entstammt. Hier verbrachte die Droste (s. Münster-Nienberge u.ö.) mehrere Jahre ihres Lebens. Häufig durchstreifte sie dann die umliegende Gegend, um ihre Stein- und Mineralsammlungen zu bereichern. Aber auch wichtige Teile ihres Werkes sind hier entstanden.

Zahlreiche Briefe vermitteln ein anschauliches Bild von der Bökendorfer und Abbenburger Besuchsatmosphäre. So ein aus Abbenburg an Sibylle Mertens gerichteter Brief der Autorin vom 11. Juli 1843:

»[…] haben wir [hier auch] kein Siebengebirge, so haben wir doch sehr anmuthige Hügel mit prächtigen Steinbrüchen, wo ich heraus hämmern könnte, was mein Herz nur verlangt, und statt eigentlicher Parks doch wenigstens hübsche Spazierwege durch Laub- und Nadelholz, und einige sogar imposante Baumhallen, wo ich sehr gerne arbeiten möchte […], [ ich habe ein nettes heitres Quartier, unter den Fenstern eine hübsche Blumenterrasse mit Springbrunnen, und allerley reizende Plätzchen in der nächsten Umgebung,] z.B. gleich vor mir einen Eichenwald, mit großen Teichen und Inseln darin, wo eine gewaltige Linde ihre Zweige fast auf den Boden senkt, und es sich auf den Sitzen gar anmuthig über dem Wasser träumen läßt, [ dann noch eine andre, entferntere Anlage, die sehr gut unterhalten, aber von Niemanden besucht wird,] […].«

Das Innere des Hauses beschreibt die Droste im Brief an Wilhelm Junkmann (s. Münster) vom 26. August 1839:

»Wären Sie hier, lieber Freund, ich glaube, es würde Ihnen gefallen […]. Denn die Ökonomiegebäude liegen ziemlich weit ab, und mein Onkel Fritz führt nur eine kleine Junggesellenwirtschaft. Das Haus ist angenehm, angefüllt mit altertümlichen Gegenständen, wunderschönen geschnitzten Schränken und Möbeln, alten Kunstuhren, Familienbildern und so still, daß man den ganzen Tag die Heimchen zirpen hört.«

Die Besuche im Paderbornischen hatten für die Autorin jedoch nicht ausschließlich angenehme Seiten. Sie hatte dann nämlich ihre endlosen Rundtouren zu den Adelssitzen in der Umgebung zu bestehen, was sie mehr als einmal an literarischer Arbeit hinderte.

»Ich sitze hier oder vielmehr ich sitze nirgends, sondern bin in e i n e m Rennen und Fahren, da wir genöthigt sind, unter nicht weniger als n e u n Orten unsern hiesigen Aufenthalt zu verteilen: Hier wohnt der Onkel Fritz, in Bökendorf Sophie und Karl, in Vörden Guido, in Hinnenburg die alten Asseburgs, in Haynhausen die jungen, in Brede Ludowine, in Herstelle Zuidtwicks, in Wehren Tante Metternich und in Erpernburg Brenkens, Du kannst denken, wie wir gevierteilt werden?« (Brief an Pauline von Droste-Hülshoff, Juli 1843)

Für ihre hochgeschätzte Bökendorfer Stiefgroßmutter Maria Anna von Haxthausen begann die Droste 1819 ihren religiösen Gedichtzyklus Das Geistliche Jahr, ihre erste bedeutende eigenständige Dichtung. Im Juli 1813 lernte sie hier den Germanisten und Märchensammler Wilhelm Grimm kennen. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Jenny und mehreren Mitgliedern der Familie von Haxthausen beteiligte sie sich jedoch kaum an den Sammelbestrebungen des sog. Bökendorfer Märchenkreises. Ungefähr ein Fünftel der Kinder- und Hausmärchen geht auf diesen Zirkel zurück.

In die Jahre 1819/1820 fällt die in Bökendorf spielende Jugendliebe der Droste zu dem Göttinger Studenten Heinrich Straube. Der unglückliche Verlauf der ›Affäre‹ bewirkte, dass die Droste für 17 Jahre keine weiteren Besuche im Paderbornischen unternahm.

Im Paderborner Land entstanden neben Teilen des Geistlichen Jahres auch Teile der Judenbuche (deren reale Vorgeschichte in der Gegend um Bellersen spielt) und 1845 die sog. »Abbenburger Gedichte«.

Reminiszenzen an die Besuche der Droste im Paderborner Land gingen als Landschaftsskizzen in Schücking/Freiligraths Malerisches und romantisches Westphalen (1842) (s. Leopoldshöhe-Niederbarkhausen) ein, nachweislich Beschreibungen von Höxter, Corvey, Bad Driburg, Schloß Wehrden, Hinnenburg und Herstelle an der Weser. Wie die Droste aus ganz individuellem Blickwinkel das Paderborner Land und seine Menschen sah, hat sie in ihren Westphälischen Schilderungen zum Ausdruck gebracht. Auf das Vorwerk Hellesen bezieht sich eine ihrer schönsten brieflichen Schilderungen (vgl. ihren Brief an Wilhelm Junkmann vom 26. August 1839). Für ihren Onkel Werner von Haxthausen verfaßte sie 1837 anläßlich der Grundsteinlegung des Vorwerks Hellesen das Gedicht »Ich lege den Stein in diesen Grund […]«.

Wilhelm Grimm kam erstmals 1811, sein Bruder Jacob 1846 nach Bökendorf. Am häufigsten war dort ihr Bruder, der Maler Ludwig Emil Grimm, zu Gast. Er hielt diese Besuche in zahlreichen Skizzen fest.

1854 und 1864 verweilte hier Luise Hensel (s. Paderborn, Rheda-Wiedenbrück) bei ihrer Freundin Ludowine von Haxthausen.

Ein weiterer Besucher war im Jahre 1820 der weitgehend mittellos durch die Lande ziehende August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Anschließend hielt er sich auf der Suche nach mittelalterlichen Handschriftenschätzen monatelang bei Werner von Haxthausen in Köln auf.

Literarische Stätte: Auf dem Bökerhof ist in Trägerschaft der 1989 gegründeten Bökerhof-Gesellschaft ein Museum mit Schwerpunkt Haxthausen-Kreis, Droste-Hülshoff und Grimm entstanden. Auf den Spuren Annette von Droste-Hülshoffs lassen sich die Droste-Stätten Vorwerk Hellesen, Schloß Hinnenburg, das Schlößchen Hainhausen, Haus Vörden, Haus Grevenburg, Schloß Holzhausen, Schloß Wehrden (mit dem 1991 renovierten Droste-Turm im Schloßpark) und Schloß Bruchhausen erwandern bzw. besuchen.

Die Droste schreibt im Brief an Therese von Wolff-Metternich vom 20. Juli 1821 über den Wehrdener Turm:

»Wenn du auf den Thurm kömmst, so mußt du jedes mahl an mich denken, wenn du das nicht thust, und ich erfahre es wieder so fällst du in Ungnade – auch auf dem Wildberge, und in der Nähe von Fürstenberg, und bey den Steinen in der Weser, auf Denen ich so oft gestanden.«  Die Droste-Ballade »Der Fundator« spielt im Umkreis des Turmes.

1964 wurde im Wald bei Bellersen ein Gedenkstein zur Judenbuche gesetzt.

Galerie