Geseke

»Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam im Rheinland. Ich ging bis 11 Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenlande, und seitdem vegetiere ich« – so der stenographische Lebenslauf, den Else Lasker-Schüler (1869-1945) für die legendäre expressionistische Anthologie Menschheitsdämmerung zur Verfügung stellte. Die aus Wuppertal stammende Autorin verbrachte in ihrer Kindheit die Schulferien häufig bei ihren Großeltern im Schülerschen Haus in Geseke.

In ihrem Phantasiereich Theben herrschte Else Lasker-Schüler als Prinz Jussuf. Auch ihren zahlreichen Freunden verlieh sie Phantasienamen: Gottfried Benn war Giselher der Barbar, Georg Trakl ihr Ritter aus Gold, Franz Werfel der Prinz von Prag, Karl Kraus der Cardinal. Weitere Freunde waren Paul Zech, Richard Dehmel und Theodor Däubler; an Franz Marc, ihren blauen Reiter, richtete sie in ihrem Buch Der Malik (1819) fingierte Briefe.

Die auch zeichnerisch begabte Exzentrikerin brach nach ihrer Scheidung (1899) von dem Arzt Berthold Lasker mit ihrem bürgerlichen Leben und zog nach Berlin. Dort schloß sie sich Peter Hille an (s. Nieheim-Erwitzen, Münster u.ö.), ihrem Erzpoeten, Erzwaller, Erzpriester und Erzzecher, dem sie einen eigenen Gedichtband widmete. Nach erneuter Scheidung (1911) von Herwarth Walden (eigentlich Georg Levin 1878-1941), dem Gründer der wichtigen expressionistischen Zeitung Der Sturm, lebte sie in Berlin – ohne eigene Wohnung – nur noch in Hotels und Pensionen. Mit Veröffentlichungen in Zeitschriften und Zeitungen und kleineren Lesungen hatte sie ein notdürftiges Auskommen. Geldsammlungen ihrer Freunde taten ein übriges.

Von den vielen Erinnerungen, die an Else Lasker-Schüler überliefert sind, ist die der Schauspielerin Tilla Durieux (1880-1971) eine der charakteristischen:
»Im Café des Westens, dem Sammelplatz der talentierten und untalentierten Bohème, konnte man die merkwürdigsten Erscheinungen sehen. Männer mit langen Haaren und Mädchen in eigenartiger Kleidung saßen hier stundenlang bei einer Schale schwarzen Kaffees. Unter ihnen sah man die Auffallendste: Else Lasker-Schüler. Sie war unbestreitbar ein großes Talent und illustrierte ihre Geschichten und Gedichte in ungewöhnlicher Weise […] Else war klein und schmächtig, von knabenhafter Gestalt mit kurzgeschnittenem Haar, was damals sehr auffallend wirkte. Ihr Mann trug hingegen langwallendes blondes Haar. Else, ewig verliebt, schrieb ihre merkwürdigen Gedichte, in denen sie die jeweiligen Erkorenen zu Göttern erhob und ihnen eine Rose oder einen Stern auf die recht ähnlichen Köpfe malte.«

Ihre Biographie hat Else Lasker-Schüler, die sich selbst als der schwarze Schwan Israels, fast ganz verschleiert. Ihre letzte Lebensstation war Jerusalem, der Ort ihrer Sehnsucht. Else Lasker-Schüler gab zahlreiche Gedichtbände heraus, ihr Drama Die Wupper wurde 1919 in Wuppertal uraufgeführt. Auf Westfalen bezogen ist ihr Theaterstück Arthur Aronymus. Die Geschichte meines Vaters (1932), das sie zu einer Kandidatin des Westfälischen Literaturpreises des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe machte.

Über die Beziehung Else Lasker-Schülers zu Westfalen berichtet eine Erinnerung von Hulda Pankok, der Frau des Malers Otto Pankok (1893-1966):

»Else Lasker-Schüler war meine Freundin. Als sie das erste Mal an meiner Aussprache entdeckte, daß ich aus Westfalen war (ich bin eine geborene Droste), da strahlte sie vor Glück. Sie liebte die Westfalen und lobte deren Großzügigkeit. Sie behauptete, man könne ihre Großzügigkeit an den Reibekuchen (die sie sehr liebte) erkennen, die in Westfalen in Butter – und nicht in Öl gebacken würden. Wahrscheinlich hatte ihr Großvater sie in Butter backen lassen, wenn die Enkelin nach Geseke in die Ferien zu ihm kam. Sie ist viel in Geseke und, wie ich aus ihren Erzählungen weiß, auch in Paderborn gewesen. Uns führte die dichterische Arbeit und das Theater zusammen – die gemeinsame Arbeit.

Viel hat sie mir von ihren westfälischen Erlebnissen und ihren Eindrücken erzählt, auch von ihrer Liebe zu Peter Hille. So wie sie mich ihre Wahlschwester nannte, so empfand sie Westfalen als ihre Wahlheimat. Ihre Ferien hat sie dort verlebt, und, wenn sie eine Möglichkeit fand, auch später immer wieder ihr geliebtes Geseke aufgesucht. Aber nicht die Tage, die zu zählen sind, scheinen mir bei der Beurteilung wichtig, sondern bei Else Lasker-Schüler ist Westfalen das Herzstück von Deutschland gewesen.«