Der Name Johann Heinrich Jung-Stillings (1740–1817) – der Beiname weist auf seine pietistischen Glaubensbrüder, die Stillen im Lande, hin – ist vor allem durch Johann Wolfgang von Goethe lebendig geblieben. Stillings literarische Bedeutung gründet sich hauptsächlich auf den ersten Teil seiner Autobiographie. Als Stilling 1774 mit Goethe in Elberfeld zusammentraf, nahm dieser das Manuskript an sich, redigierte es und veröffentlichte es 1777 ohne Wissen Stillings als Henrich Stillings Jugend. Eine wahrhafte Geschichte. Die poesievollen Schilderungen der ›einfachen Leute‹, der Siegerländer Bauern, Bergleute, Eisenschmelzer und Schmiede, gefielen durch ihre Schlichtheit und Anspruchslosigkeit. Realistische Einzelbeobachtungen und Naturschilderungen vermitteln das Bild einer in sich ruhenden, von Gott gefügten Welt. Christoph Martin Wieland (1733-1813) äußerte über die ausgewogene Komposition der Jugend: der Inhalt thut mir vor lauter Wohlwollen wehe. Ein anderer, der Philosoph und Schriftsteller Johann Georg Hamann (s. Münster), lobte die heilige Einfalt des Werkes.
1778 folgten, veranlaßt durch den Erfolg, aber auch materielle Not, Stillings Jünglingsjahre und Wanderschaft, 1789 das Häusliche Leben, 1804 die Lehrjahre. Postum erschienen das Alter und die Erzählung von Stillings Lebensende.
Stillings Lebensweg, der in Grund bei Hilchenbach, Kreis Siegen, begann, ist ein außergewöhnliches Beispiel des sozialen Aufstiegs. Nach wechsel- und leidvoller Tätigkeit als Schneider, landwirtschaftlicher Knecht, Lehrer und Kaufmannsgehilfe, studierte Stilling in Straßburg Medizin, promovierte 1772 zum Dr. med., eröffnete eine Arztpraxis und wurde zu einem gesuchten Augenheilkünstler und Operateur des Grauen Stars. 1778 nahm er eine Professur für Kameralistik an der Ritterakademie in Kaiserslautern an, las später an den bedeutenden Universitäten in Heidelberg und Marburg und brachte es schließlich bis zum Großherzoglichen und Geheimen Rat des Kurfürsten Karl Friedrich von Baden (1803) und Freund des Zaren Alexander I.
Der bedeutendste Einschnitt in Stillings Biographie war seine pietistische Bekehrung im Jahre 1762. Für mehrere Jahre schloß er sich den Erweckten an. In seiner Autobiographie gewann die Philosophie der Vorsehung immer mehr Gewicht. Dabei entwickelte Stilling manchmal penetranten missionarischen Eifer, worunter das Werk zusehends litt.
Wenig bekannt ist, dass Stilling mit dem späteren preußischen Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, dem Freiherrn Ludwig von Vincke (1774-1844), näher bekannt war, diesen 1793 in Minden besuchte und in seiner Autobiographie charakterisiert. Vincke wiederum hat Stilling in seinen Tagebüchern erwähnt. Auf der Mindener Reise lernte Jung-Stilling einige, wie er schreibt, merkwürdige Personen kennen, darunter auch Justus Möser (1720-1794) und seine Tochter Jenny verh. von Voigts (1749-1814) sowie die Fürstin Christine zur Lippe zu Detmold.
Geradezu ›klassisch‹ geworden ist der erzählerische Eingang von Stillings Jugend:
»In Westfalen liegt ein Kirchsprengel in einem sehr bergigen Landstrich, auf dessen Höhen man viele kleine Grafschaften und Fürstentümer übersehen kann. Das Kirchdorf heißt Florenburg (d. i. Hilchenbach). Eine Stunde von diesem Ort südostwärts liegt ein kleines Dörfchen, Tiefenbach [d. i. Grund], von seiner Lage zwischen den Bergen so genannt, an deren Fuße die Häuser zu beiden Seiten des Wassers hängen, das sich aus den Tälern von Süd und Nord her just in die Enge und Tiefe zum Fluß hinsammelt. Der östliche Berg heißt der Giller, geht steil auf, und seine Fläche, nach Westen gekehrt, ist mit Maibuchten dicht bewachsen. Von ihm ist eine Aussicht über Felder und Wiesen, die auf beiden Seiten durch hohe verwandte Berge gesperrt wird. Sie sind ganz mit Buchen und Eichen bepflanzt, man sieht keine Lücke, außer wo manchmal ein Knabe einen Ochsen hinauftreibt und Brennholz auf halbgebahntem Wege zusammenschleppt. Unten am nördlichen Berge, der Geißenberg genannt, der wie ein Zuckerhut gegen die Wolken steigt und auf dessen Spitze Ruinen eines alten Schlosses liegen, steht ein Haus, worinnen Stillings Eltern und Voreltern gewohnt haben […]«
Über Stilling äußerte Goethe in Dichtung und Wahrheit:
»Unter den neuen Ankömmlingen [in Straßburg] befand sich ein Mann, der mich besonders interessierte; er hieß Jung und ist derselbe, der nachher unter dem Namen Stillings zuerst bekannt geworden. Seine Gestalt, ungeachtet einer veralteten Kleidungsart, hatte, bei einer gewissen Derbheit, etwas Zartes. Eine Haarbeutel-Perücke entstellte nicht sein bedeutendes und gefälliges Gesicht. Seine Stimme war sanft, ohne weich und schwach zu sein, ja sie war wohltönend und stark, sobald er in Eifer geriet, welches sehr leicht geschah. Wenn man ihn näher kennen lernte, so fand man an ihm einen gesunden Menschenverstand, der auf dem Gemüt ruhte und sich deswegen von Neigungen und Leidenschaften bestimmen ließ, und aus eben diesem Gemüt entsprang sein Enthusiasmus für das Gute, Wahre, Rechte in möglichster Reinheit.«
Literarische Stätten: Stadtmuseum in der Wilhelmsburg in Hilchenbach (Im Burgweiher 1) mit Jung-Stilling-Sammlung, die u.a. die Originalgrabsteine Jung-Stillings und seiner Frau aus Karlsruhe enthält; Stilling-Denkmal in Hilchenbach vor der evangelischen Kirche; Gedenkstätte im Geburtshaus in Grund (mit einem Erinnerungsraum), 1928 abgebrannt, später wiederaufgebaut, das Bilder, Schriften und Möbel Jung-Stillings zeigt; Nachlaß in der Stadtbibliothek Siegen ; Teilsammlung in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund.