Höxter

August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens (1798-1874) Autobiographie Mein Leben endet leider genau zu dem Zeitpunkt, als er 1860 seine Bibliothekarstätigkeit auf Schloß Höxter-Corvey aufnahm.
Aus den Erinnerungen seines Sohnes Franz:

»Die Anwesenheit der herzoglichen Familie war für meinen Vater ein Festtag an den andern gereiht. Von dem Augenblick an, wo die herzoglichen Wagen in die Schloßportale hineinrollten, war er persona gratissima. Er begrüßte die herzogliche Familie, die sich öfters ziemlich vollständig einstellte, und wurde fast regelmäßig zur Tafel gezogen. Dort war er mit seiner glänzenden Unterhaltungsgabe, seinem Humor und seinem vielseitigen Wissen ein gern gesehener Gast. Wie oft findet sich im Tagebuch: Nach Tisch noch lange mit dem Herzog im engsten Kreise (oder allein) geplaudert, und bei Glas Wein zusammengesessen. Es war spät, als ich heim kam […]. Für Corvey und Höxter, die ganze Umgebung, die Weser, die Berge und Wälder schwärmte er. Das meiste, was zu Fuß zu erreichen war, besuchte er bis in sein Alter. Wenn von auswärts die Freunde kamen, ruhte er nicht, bis er allen das Sehenswerteste gezeigt hatte.«
Hoffmann von Fallersleben ist heute besonders als Dichter des Deutschlandliedes und vieler volkstümlich gewordener Kinderlieder bekannt. Schon zu Lebzeiten genoß der ›ewige Student‹ als Sammler von Volksliedern, als Verfasser patriotischer und politischer Lieder und nicht zuletzt durch seine germanistischen Studien hohe Wertschätzung. Die biographischen Fäden, die Hoffmann von Fallersleben mit Westfalen verbinden, wurden schon früh geknüpft. 1820 führte ihn eine Wanderung über Unna, Soest und Paderborn nach Höxter. Von Driburg aus machte er einen Abstecher zur Familie von Haxthausen in (s.) Brakel-Bökendorf, wo er auch Annette von Droste-Hülshoff (s. Münster-Nienberge u.ö.) kennenlernte. Langjährige Freundschaft verband ihn mit dem Grafschaftsbesitzer Friedrich Ludwig Tenge (s. Leopoldshöhe-Niederbarkhausen) und Ferdinand Freiligrath (s. Soest, Detmold u.ö.), auch Georg Weerth (s. Detmold) schätzte ihn.


An Hoffmann von Fallersleben erinnerte sich auch Peter Hille (s. Münster, Nieheim-Erwitzen u.ö.) (1854-1904):

»Hier [in Schloß Corvey] vor der Bibliothek sah ich auch Hoffmann von Fallersleben, und in großer Ehrfurcht grüßte der dreizehnjährige Knabe, der wohl in sich schon den Dichter spürte und in diesem was ganz Hehres und Wunderbares empfand, den hohen Mann mit dem sinnend geneigten Haupte und dem ehrwürdigen Haar, das weiß bis auf den Kragen des schwarzen Rockes fiel. Wie war ich stolz, da er dankte: es war wie ein geheimes Einverständnis.«
Hoffmann von Fallersleben war 1823 Kustos der Universitätsbibliothek in Breslau und dort seit 1830 Professor der Germanistik. Wegen seiner hochpolitischen Unpolitischen Lieder (1840/41) wurde er 1842 ohne Pension entlassen und des Landes verwiesen. Er führte fortan ein Wanderleben mit vielen Stationen. 1848 wurde er amnestiert. Eine Einladung nach Weimar, wo er das Weimarer Jahrbuch mitherausgab, führte 1854 zur Bekanntschaft mit Viktor Herzog von Ratibor und Fürsten von Corvey, der ihm die Bibliothekarstelle im Schloß Höxter-Corvey anbot. Damit erfüllte sich Hoffmann von Fallerslebens langgehegter Wunsch nach einem gesicherten Wohnsitz und Einkommen. Er lebte dort, unter anderem mit seiner Autobiographie beschäftigt, bis zu seinem Tod im Jahre 1874.


Im Kloster Corvey war seit etwa 940 Widukind von Corvey (*um 925 – †nach 973) Mönch und später Rektor der Klosterschule. Dieser erste deutsche Geschichtsschreiber verfaßte Heiligenviten und außerdem eine Geschichte der Sachsen mit dem Titel Rerum gestarum Saxonicarum libri tres. Zeitweilig in Corvey lebten außerdem die Mönche Hrabanus Maurus (*um 780 – †856) und der Kölner Ruotger (2. Hälfte des 10. Jahrhunderts).
Das Kloster wurde 1803 säkularisiert. Landgraf Viktor Amadeus von Hessen-Rothenburg (1812-1834) wandelte es in ein Schloß um und richtete im Nordflügel seine Bibliothek ein. Er war offenbar vom universalistischen Geist des 18. Jahrhunderts geprägt und kümmerte sich als sein eigener Bibliothekar intensiv um die Bibliothek. Er ließ aus der Buchproduktion seiner Zeit möglichst viele Bücher aus den drei europäischen Hauptsprachen (Französisch, Deutsch und Englisch) und aus vielen Wissengebieten anschaffen und trug damit eine polyglotte Universalbibliothek zusammen. (Artikel: Corvey)
Diese ständig erweiterte Bibliothek wurde unlängst als Fund des Jahrhunderts bezeichnet. Mit einem Buchbestand von 65.000 bis 70.000 Büchern – darunter viele seltene und einmalige Bücher – ist sie eine der größten älteren Privatbibliotheken Deutschlands. Die Bibliothek ist im Rahmen von Forschungsprojekten der Universität Paderborn umfassend aufgearbeitet worden. Hierzu gehört die Erschließung und Verfilmung des Gesamtbestandes.


Literarische Stätte: Grab Hoffmann von Fallerslebens auf dem Klosterfriedhof südlich der Abteikirche. 1911 wurde hier eine Büste von Fritz Schaper errichtet mit dem Text »Wie könnt' ich Dein vergessen«; seit 1948 ist in zwei Etagen des Schlosses das Museum Höxter-Corvey untergebracht. Es enthält u.a. eine Dokumentation zu Hoffmann von Fallersleben.

In Wolfsburg besteht seit 1937 eine Hoffmann-von-Fallersleben-Gesellschaft.


Vor 1450 wurde in Höxter der von Kaiser Maximilian zum Poeta laureatus gekrönte Humanist Heinrich Böger geboren († 1505 Dietmar Rostock). 1506 erschienen von ihm Gedichte unter dem Titel Etherologum.


1629 hielt sich Friedrich von Spee (s. Paderborn) in Corvey auf. Er arbeitete hier an den Liedern der Trutz-Nachtigall.


Im Januar 1820 trat Annette von Droste-Hülshoff (s. Münster) in Höxter in einem öffentlichen Konzert als Sängerin und Pianistin auf. Am 12. Juli 1843 kam sie nach Corvey, um die Bibliothek zu benutzen, wie ein Eintrag im Fremdenbuch belegt. Bei ihren Besuchen im Paderborner Land machte sie häufig ›Stippvisiten‹ auf der Wasserburg Wehrden und Burg Herstelle.


Von 1874 bis 1876 war Peter Hille (s. Nieheim-Erwitzen, Münster) am Kreisgericht Höxter tätig. Hier entstanden seinen Gedichte eines Supernumerars, von denen nur »An die Dummheit« veröffentlicht wurde.


Von 1954 bis 1964 war Agnes Miegel (s. Bad Salzuflen) mehrfach Gast in Corvey. Sie verfaßte hier im Auftrag des Fürsten einen Führer durch Corveys Vergangenheit und Gegenwart.


Weitere literarische Stätten: Das Heimatmuseum neben dem Schloß beherbergt ein Dichterzimmer Erinnerungen an Josefa Berens-Totenohl (s. Meschede-Grevenstein, Lennestadt-Saalhausen), Annette von Droste-Hülshoff (s. Münster-Nienberge u.ö.), Peter Hille, Hoffmann von Fallersleben, Hermann Löns (s. Münster u.ö.) und Levin Schücking (s. Münster, Sassenberg u.ö.).


Schauplatz: Zahlreiche Lieder Hoffmann von Fallerslebens verweisen auf seine Höxterer Zeit. In Höxter spielt Wilhelm Raabes Erzählung aus der Zeit des Fürstbischofs Bernhard von Galen, Höxter und Corvey (1875), sowie Josefa Berens-Totenohls Die Liebe des Michael Rother (Roman, Bonn 1953); ferner ist zu nennen Karl Werner Günzel: Rings um Corvey. Gedichte und Balladen (Höxter 1984).


Durch Höxter und vorbei am Schloss Corvey führt auch der Wilhelm-Raabe-Radwanderweg, der auf alle Stätten der Strecke, die im Werk von Raabe porträtiert sind, mit Erinnerungstafeln aufmerksam macht.


«ald hinter Lüchtringen grüßen rechter Hand die Türme der ab 822 errichteten Kirche des Benediktinerklosters Corvey und die des gleichnamigen Schlosses. Der Weg führt geht geradewegs auf Höxter zu, dessen Silhouette wiederum von den Türmen der 1075 erbauten St. Kilianikirche bestimmt wird.« Die Tafel an der Weserbrücke zitiert aus Raabes Erzählung »Höxter und Corvey« zu Zeiten, als der Weserübergang an dieser Stelle noch durch einen Fährmann bewerkstelligt wurde.


Wenn ihm auch weniger Ruhm vergönnt war, wird der 1831 in Eschenhausen geborene Schriftsteller Wilhelm Raabe doch neben Theodor Fontane zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Realismus gezaehlt. Er verliess das Gymnasium ohne Abschluss und nahm eine Buchhandelslehre auf. 1856 liess er sich als Freier Schriftsteller in Wolfenbüttel nieder und arbeitete an »Westermanns Monatsheften« mit. In seinen Erzaehlungen übt er häufig Kultur- und Gesellschaftskritik, teilweise durchh Komik verfremdet. Raabe selbst betrachtete sich als Erbe des »Jungen Deutschland«. Zu seinen Werken gehören Die Chronik der Sperrlingsgasse, Die Leute aus dem Walde oder Der Hungerpastor.