Lüdinghausen

(Text von Hannes Demming)
»Und werd' ich einst begraben sein, / laßt mich in Frieden schlafen, / und steckt Eure Nase nicht in Dinge hinein, / die mich und mein Leben betrafen!« So schreibt Karl Wagenfeld 1936 am Ende seiner autobiographischen Abhandlung Mein Leben


Karl Wagenfeld wird am 5. April 1869 in Lüdinghausen geboren, verbringt seine Kindheit in Drensteinfurt, geht aufs Lehrerseminar in Warendorf, besteht dort 1889 die Abschlußprüfung, kommt als Lehrer an die Bauerschaftsschule Göttingen bei Liesborn, im Jahre 1891 nach Bockholt im Kreis Recklinghausen, 1896 nach Recklinghausen selbst und schließlich 1899 an die Marienschule in Münster. 1902 heiratet er seine Frau Grete. Es folgen gut zehn Jahre ruhigen beruflichen und dichterisch-schriftstellerischen Schaffens.
1915 wird auf Wagenfelds Anregung hin der Westfälische Heimatbund gegründet, seit 1919 kann Wagenfeld dort selbst aktiv mitarbeiten und übernimmt 1921 dessen Leitung (bis 1934). 1924 wird ihm der John-Brinckman-Preis verliehen. In diesem Jahr wird er auch Mitarbeiter der Westdeutschen Funkstunde und ist bis 1933 Vorsitzender des Kulturbeirats des Westdeutschen Rundfunks. 1929 promoviert die Westfälische Wilhelms-Universität Münster Karl Wagenfeld zum Dr. h.c. Angesichts der enormen Belastung durch die Arbeit im Heimatbund wird Karl Wagenfeld 1925 in den vorläufigen und 1932 den endgültigen Ruhestand versetzt.
Der Westfale Wagenfeld hat sich im Westfälischen Heimatbund ein bleibendes Denkmal gesetzt. Der in der Universitätsbibiliothek Münster aufbewahrte Nachlass Wagenfelds enthält eine eigene Kapsel Westfälischer Heimatbund mit zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen zur Heimatbewegung, zu Siedlungsfragen, zum Heimatschutz und zu Heimatfesten. Aufschlußreich in diesem Zusammenhang sind auch Wagenfelds Ausführungen in seinem Aufsatz »Der westfälische Bauer«. Der Deutsche Karl Wagenfeld ist in letzter Zeit Gegenstand kritischer Äußerungen geworden, ausgelöst z. B. durch das Vorwort zur Altwestfälischen Bauernhochzeit oder durch Sätze, wie Wagenfeld sie am 22. September 1933 im Westdeutschen Rundfunk sprach:

»Der westfälische Heimatbund hat es nicht nötig ›umzuschalten‹, weil seine Arbeit stets im Sinne des neuen Reiches gewesen ist. Wer daran zweifelt, hat sich um die deutscheste aller deutschen Angelegenheiten, die Heimatbewegung, nicht gekümmert […].«
Zwar müssen solche Sätze im historischen und kulturpolitischen Kontext gelesen werden, aber eine Gefahr, sich vom Nationalsozialismus vereinnahmen zu lassen, kann hier bei Wagenfeld nicht von der Hand gewiesen werden.
Früh erkannte Wagenfeld die Möglichkeiten des kommenden Massenmediums Rundfunk, nahm auf das Programm nach Kräften Einfluß, setzte sich nachdrücklich für westfälische Interessen ein und war auch als Interpret höchst aktiv und angesehen. Die Bauernhochzeit und Luzifer gingen als ›Sendebeispiele‹ über den Sender Münster. Bereits 1919 hatte Wagenfeld mit Julius Schwering, H. Grimme, Friedrich Castelle (s. Münster) und den Brüdern Wahl die Niederdeutsche Bühne Münster gegründet, ohne welche die Realisation plattdeutscher Spiele im Funk schwer möglich gewesen wäre.
Der Naturfreund Wagenfeld begegnet uns in den feinsinnigen Naturbeobachtungen, in der großen Arbeit über die Pflanzen und ihre Namen im Plattdeutschen des Münsterlandes, in Aufsätzen wie »Wandern und Volkstum« (1922) oder »Gegen die Schändung unserer Landschaft« (1926).
Wagenfelds gesamtes niederdeutsches Textschaffen ist ein einziges Bemühen um die plattdeutsche Sprache, die er in seinen großen Dichtungen Dat Gewitter (1913), Dat Gaappulver (1913), Hatt giegen Hatt (1917), Daud un Düwel (1912), De Antichrist (1916) und Luzifer (1921) zu eindrucksvoller Höhe führt. Der Lyriker und Erzähler Wagenfeld tritt dagegen in den Hintergrund, obwohl er auch auf diesen Gebieten Beachtliches aufzuweisen hat.
Ein bleibendes Verdienst und die Frucht rastloser Sammlertätigkeit sind Wagenfelds Arbeiten zur Volkskunde, von denen man hier vielleicht den Volksmund und Der Allerwerteste und der Volksmund des Münsterlandes sowie das Schützenfest und die Altwestfälische Bauernhochzeit besonders nennen sollte.
Der Christ Wagenfeld ist vom Dichter natürlich nicht zu trennen, ein besonderer Hinweise auf die Dichtung Usse Vader dürfte aber angebracht sein.
Der Satiriker, Ironiker und Schalk Wagenfeld darf nicht vergessen werden; man lese die Vuegelfrauenversammlung, Von Krankheiten und von't Doktern, Von de Leiwe und Von de geistlicke Obrigkeit.


Literarische Stätte: Geburtshaus in der Mühlstraße 25; Wagenfeld-Stube in der Burggaststätte Vischering.


Eine kleine Bronze-Platte auf ihrem Grab in Lüdinghausen-Seppenrade erinnert an Anni Siepe (*1895 Seppenrade – †1978 Oberstdorf), Verfasserin von Gedichten und Erzählungen in plattdeutscher Sprache.