In dem kleinen, etwa sechs Kilometer östlich von Münster gelegenen Dorf Angelmodde befand sich der Pachthof der Fürstin Amalia von Gallitzin (s. Münster, Bad Driburg, Dülmen). Die Fürstin hatte das Bauernhaus angemietet, um hier jeweils die Sommermonate, manchmal auch längere Zeit des Jahres, zuzubringen. Ihre Gäste empfing sie im allgemeinen jedoch in ihrem Stadthaus in Münster.
Im Frühjahr 1788 spielte sich hier Johann Georg Hamanns (s. Münster) denkwürdige Wallfahrt nach Angelmödde ab, die die sogenannte ›zweite Konversion‹ der Fürstin Gallitzin einleitete.
Der Gallitzin-Kreis prägte Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts maßgeblich das literarische Klima Münsters und seiner Umgebung. Er bewog Friedrich Leopold von Stolberg (s. Hörste-Stockkämpchen, Münster-Gremmendorf u.ö.) zum Übertritt zum Katholizismus und regte ihn zu seiner weitverbreiteten Konversionsschrift Geschichte der Religion Jesu an.
Die Fürstin Gallitzin wurde 1748 als Tochter des preußischen Feldmarschalls Samuel Graf von Schmettau in Berlin geboren. Sie entstammt einer altungarischen Familie. Obwohl protestantisch getauft, wurde sie katholisch erzogen. 1768 lernte sie auf einer Reise nach Spa den mit Voltaire und Denis Diderot befreundeten russischen Diplomaten Fürst Dimitri Alexejewitsch Gallitzin kennen, den sie im gleichen Jahr heiratete. Nach der Trennung 1774 siedelte sie nach Holland über. Mit Hilfe Diderots zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Es entstand eine freundschaftliche Verbindung zu dem holländischen Philosophen Franz Hemsterhuys (s. Münster). 1779 kam sie nach Münster, um die Erziehung ihrer Kinder Franz von Fürstenberg (s. Münster) anzuvertrauen. Hier bildete sie den Kreis von Münster (die familia sacra). 1786 konvertierte sie zum Katholizismus. Sie verstarb 1806 in Münster.
Die Fürstin, die selbst Gelegenheitsgedichte schrieb, verfügte über vielfältige literarische Interessen. Sie stand unter anderem mit dem von ihr verehrten Johann Wolfgang von Goethe in Briefwechsel; viele weitere Größen der Zeit zählten zu ihrem Bekannten- und Freundeskreis.
»Den Zustand der Fürstin, nahe gesehen, konnte man nicht anders als liebevoll betrachten. Sie kam früh zum Gefühl, daß die Welt uns nichts gebe, daß man sich in sich selbst zurückziehen, daß man in einem inneren, beschränkten Kreise um Zeit und Ewigkeit besorgt sein müsse. Beides hatte sie erfaßt; das höchste Zeitliche fand sie im Natürlichen, und hier erinnere man sich Rousseauischer Maximen über bürgerliches Leben und Kinderzucht! Zum einfältigen Wahren wollte man in allem zurückkehren, Schnürbrust und Absatz verschwanden, der Puder zerstob, die Haare fielen in natürlichen Locken. Ihre Kinder lernten schwimmen und rennen, vielleicht auch balgen und ringen. […] Aber als die schönste Vermittlung zwischen beiden Welten entsproßte Wohltätigkeit, die mildeste Wirkung einer ernsten Aszetik; das Leben füllte sich aus mit Religionsübung und Wohltun; Mäßigkeit und Genügsamkeit sprach sich aus in der ganzen häuslichen Umgebung, jedes tägliche Bedürfnis wurde reichlich und einfach befriedigt, die Wohnung selbst aber, Hausrat und alles, dessen man sonst benötigt ist, erschien weder elegant noch kostbar; es sah eben aus, als wenn man anständig zur Miete wohnte.« (Johann Wolfgang von Goethe)
Literarische Stätte: Der Pachthof der Fürstin Gallitzin in Angelmodde (Haus Angelmodde, damals im Besitz der Familie von Merveld) ist abgebrannt; eine Gallitzin-Straße führt auf den ehemaligen Hof zu; das Grab der Fürstin an der Südseite der Kirche St. Agatha mit Gedenkfigur; in Angelmodde ist ein Heimathaus mit einem Gallitzin-Museum eingerichtet. 1990 wurde eine private Gallitzin-Stiftung ins Leben gerufen, die sich der Förderung junger westfälischer Literaturwissenschaftler und Kunsthistoriker angenommen hat.
Schauplatz: Münster-Angelmodde und den Kreis der Fürstin Gallitzin porträtiert Otto Jägersberg in seinem 1964 in Zürich erschienenen Westpfhälischen [!] Sittenbild: Weihrauch und Pumpernickel. Dort betreibt der Reichsbahnoberformmeldeinspektor Wanagot einen regelrechten Gallitzin-Kult.