»Wir haben rund umher zahllose Nachtigallen und hören ihren Gesang wirklich fast unaufhörlich. Einen Garten haben wir nicht, legen aber ein Plätzchen am Turm am Wasser zu einem Blumengärtchen an […]. Nichts ist ländlicher als unser freundlicher Wohnort. Man sollte eine solche Gegend so nahe bei der Stadt, deren Lage nicht weniger als anmutig ist, nicht für möglich halten.« (Friedrich Leopold von Stolberg)
Annette von Droste-Hülshoff zufolge war der Name des Holsteinischen Grafen Friedrich Leopold von Stolberg (*1750 Bramstedt – †1819 Sondermühlen) in Westfalen noch 1841 ein Talisman, während er anderswo bereits in Vergessenheit geraten sei. Dieser Ruf gründete sich in Westfalen weniger auf Stolbergs Vergangenheit als klopstockbegeisterter Oden-, Hymnen-, Balladen- und Romanzendichter im Umkreis des Göttinger Hains und Goethes als auf seine in Münster vollzogene Konversion zum Katholizismus im Jahre 1800, die eine neue Epoche – die des Erbauungsdichters – in Stolbergs Schreiben einleitete. Stolbergs Übertritt zu Pfingsten 1800 sorgte in ganz Deutschland für Aufsehen und rief zahlreiche Schmäh- und Streitschriften hervor.
Der Beginn von Stolbergs konfessioneller Wende datiert 1791/92, als er in Münster die Fürstin Gallitzin kennenlernte. Ein Gegenbesuch der Fürstin und der Brüder Droste-Vischering in Eutin folgte. In Münster schloß sich Stolberg eng an den Kreis der Fürstin Gallitzin an, dessen Mitglieder soviel lautere Gesinnung und aufopfernde Liebe, rastlose Tätigkeit, jeder in seiner Art und in seinem Berufe, besitzen, daß man es wie eine ganz besondere Gnade und als reichen Segen betrachten muß, unter ihnen leben und sich an ihnen erheben und erbauen zu können.
Nachdem Stolberg in Münster zunächst in einer Kurie am Domplatz und im Hause der Fürstin Gallitzin gewohnt hatte, bezog er im Mai 1801 das eine halbe Stunde von der Stadt entfernte Gut Lütkenbeck des Freiherrn Adolf von Droste-Vischering, nahe der Sommerwohnung der Fürstin Gallitzin in Angelmodde. Sein dortiges Leben hat er in vielen Briefen beschrieben. Um der französischen Fremdherrschaft in Münster zu entgehen – der glühende Patriot war unter polizeiliche Aufsicht gestellt worden – ›floh‹ Stolberg 1812 auf den bei Bielefeld gelegenen Rittersitz Tatenhausen (s. Hörste-Stockkämpchen).
Während seiner münsterischen Zeit verfaßte Stolberg erbauliche und populärtheologische Werke. Das wichtigste ist die auf Anregung der familia sacra entstandene Geschichte der Religion Jesu Christi (1806-1818), die als Konversionsschrift weithin wirksam wurde.
»Wie viele Seelen durch Stolberg's Geschichte der Religion Jesu Christi zur Erkenntniß der katholischen Wahrheit gelangt sind, wird erst an jenem Tage offenbar werden, an welchem Alles offenbart wird. So oft ich mich bei Conversionen nach den Gründen erkundigte, so hörte ich fast stets den Namen Stolberg's und seiner Geschichte nennen.« (Friedrich Schlegel)
Wie groß Stolbergs damaliges Ansehen im Münsterland war, wird unter anderem am Beispiel der Familie Droste-Hülshoff deutlich. Seine Schriften sind in der Hülshoffer Bibliothek zahlreich vertreten; die Geschichte der Religion Jesu Christi wurde, wie auch Klopstocks Messias, jeweils zu besonderen Anlässen im Familienkreis vorgelesen.
Literarische Stätte: Stolbergs Wohnsitz von 1800 bis 1812, Haus Lütkenbeck, war im barocken Stil alter westfälischer Wasserburgen für den Domherrn von Droste-Vischering im 18. Jahrhundert errichtet worden. Ein Brand vernichtete es fast vollständig. Nur die Wirtschaftsgebäude und zwei Pavillons am Eingang zeugen von der ehemals großen Anlage. Stolberg bewohnte einen vom Brand verschont gebliebenen Turm mit angrenzendem Flügelgebäude.