»[…] wenn ich heute an meine Heimat denke, so sehe ich diese weite Ebene mit Roggenfeldern, grün wie Seladon, voll von Weizenäckern, die im Sommer zur Zeit der Reife die rote Farbe des Kupfers tragen, ich sehe diese Weiden mit braungefleckten Kühen, Kämpe, durch grüne Wallhecken voneinander getrennt, daß der Wind, der über das Land vom Meer her weht, zu ihnen zur Ruhe komme, Wiesen mit grasenden schwarzen Pferden, dunkle Eichenwälder, purpurn glühende Heide, über die am Abend graue Nebelschleier kriechen, daß die schwarzen Wacholderbüsche sich in gespenstische Heidemänner verwandelten, die uns Angst machten, die alten Bauernhöfe, von Eichen umstanden, mit roten Dächern und am Giebel zwei übereinander gekreuzte Pferdeköpfe tragend, und alles dies überdeckt von einem blauen niedrigen Himmel, durch den im Sommer die weißen Wolken ziehen, alles dies überschüttet von Licht […].« (Adolf von Hatzfeld)
In Olpe kam 1892 Adolf von Hatzfeld als Sohn eines Juristen zur Welt. Er wuchs in Hamm und Düsseldorf auf. Unterborchen von zahlreichen Reisen durch ganz Europa lebte er überwiegend im Rheinland, in Köln und Bonn. In seinen letzten Lebensjahren lebte er in der Soester Börde und war zuletzt in Bad Godesberg ansässig.
Den Anforderungen, »die das Wilhelminische Kaiserreich an einen jungen Mann seines Standes richtete, nicht gewachsen« (Renate von Heydebrand), unternahm er 20jährig einen Selbstmordversuch, bei dem er erblindete (vgl. seinen autobiographisch gefärbten Roman Franziskus 1918). Er studierte dennoch Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie und promovierte mit einer Arbeit über Achim von Arnim. Noch vor dem ersten Weltkrieg begann er, Gedichte zu schreiben. 1916 erschien sein erster, 1919 sein zweiter Gedichtband. 1923 würdigte Thomas Mann seine Werke als »nobel, innig und echt«. Zu Hatzfelds literarischen Vorbildern gehörten Hugo von Hofmannsthal, Stefan George und Rainer Maria Rilke, mit dem er befreundet war. Er verfasste außer Lyrik literaturkritische Essays und den Roman Die Lemminge (1923). In der Zeitschrift des westfälischen Heimatbundes Heimat und Reich und deren Nachfolgeorgan, dem Westfalenspiegel, sowie zahlreichen Rundfunksendungen war er häufig vertreten. Dort hat er auch über sein Verhältnis zu Westfalen wiederholt reflektiert. 1953 wurde ihm anläßlich des Westfalentages in Meschede der Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis verliehen. Ein Teil seines Nachlasses befindet in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund.
»Hatzfeld war ein Einzelgänger, der sich – nietzscheangehaucht – von der literarischen Moderne inspirieren ließ. Der zu Lebzeiten äußerst populäre Hatzfeld fand zu einer sensiblen, expressionistisch anmutenden Lyrik, die sich aus innerem Empfinden speiste. Als Dichter der Innerlichkeit und des Religiösen war er zugleich ein formbewußter und -strenger Virtuose.
Im zweiten Gedichtband sind bereits die wesentlichen Themen des Dichters angeschlagen, die zentralen Konflikte und ihre Lösungsmöglichkeiten deuten sich an, der sprachliche Gestus von ekstatischer und doch wieder gebändigter Schönheit ist festgelegt, die Tradition, in die er zu stellen ist, wird erkennbar. Es erscheint ein grüblerisches, zerrissenes Ich, das an seinem Verhältnis zur Natur, die Problematik seines Verhältnisses zu andern Menschen, zu ihrer Gemeinschaft, zu Gott erlebt und ausspricht. In einigen wenigen Gedichten zeichnet sich ab, daß – panentheistisch – der Kosmos als Mutter, als göttlich empfunden werden kann, Westfalen – die Landschaften Nordwestfalens, in denen von Hatzfeld prägende Jugendeindrücke empfing – als heimatlicher, auch in einer Gemeinschaft bergender Lebensgrund.« (Renate von Heydebrand).
Hatzfeld wurde, obwohl nie Parteigänger, von den Nationalsozialisten vereinnahmt. Bei ihm findet man Verse wie:
»Auch du bist Spielball nur in Händen von Dämonen. / Sie werfen dich in Irrsinn, Qual und Not, / sie höhnen deine Angst, dein Flehen um Verschonen, / bis du zu ihrem Zeitvertreib, /in fürchterlicher Not, / hinstreckst den willenlosen Leib.«