Rheine

»So steht auf der Saline Gottesgabe bei meiner Vaterstadt Rheine auch noch die breitästige Linde, deren luftverknäulte Zweige mit Stützen geschützt wurden, unter denen ich als Kind gespielt habe […].« (Josef Winckler)
Ein später Westfalenapologet war der aus Rheine gebürtige Josef Winckler (*1881 – †1966 Bernsberg) (s. Hopsten). In seinem Brotberuf war Winckler Knappschaftszahnarzt in Moers und Homberg, bis er sich – finanziell abgesichert durch den Erfolg des Tollen Bomberg (s. Buldern) – seit 1923 ausschließlich dem Schreiben widmen konnte.
Schon während seiner Studienzeit hatte er 1904 mit zwei Bonner Studienfreunden, Wilhelm Vershofen (1878-1960) und Jakob Kneip (1881-1958), einen ersten Lyrikband (Wir Drei!) in Bonn veröffentlicht.
Ostern 1912 hoben Winckler, Kneip und Vershofen, der inzwischen sein Schwager geworden war, im Blauen Zimmer von Haus Nieland in Hopsten den Dichterkreis »Werkleute auf Haus Nyland« aus der Taufe. Diese Gemeinschaft, die sich häufig zu Gesprächen in Hopsten traf, vergrößerte sich rasch und konnte bald eine Vielzahl bekannter Autoren in ihrer Mitte aufnehmen. Seit Herbst 1912 gaben die Werkleute eine eigene Zeitschrift, die Quadriga, heraus, in der alle Beiträge anonym erschienen. Wincklers Eiserne Sonette, die in drei Teilen erschienen, fanden ein begeistertes Echo. Zwei Jahre später erschienen sie als eigenes Buch bei Insel. Erstmals wurde die Welt der Arbeit und Maschinen zum Gegenstand von Lyrik. Hiermit leistete Winckler einen auch heute noch gewürdigten Beitrag für das Erstarken und Selbstbewußtsein der Arbeiterliteratur. Die Mehrheit der Werkleute gehörte allerdings dem Bildungsbürgertum an und hatte – aus heutiger Sicht – naive Vorstellungen von der harten Wirklichkeit der Arbeitswelt.
Der Ausbruch des ersten Weltkriegs besiegelte das Ende der Quadriga. Mit ihren ›Kriegsgaben‹, »Das brennende Volk« (1916), zu dem Winckler ein Verswerk beisteuerte, und »Schulter an Schulter« (1916) versuchten die Werkleute, den Krieg zu legitimieren. Winckler selbst legte eigene Beträge mit ›kriegsbejahender Lyrik‹ (Hanns Martin Elster) in den Büchern Mitten im Weltkrie« (1915) und Ozean – Des deutschen Volkes Meeresgesang (1917) vor.
»Nach dem Ausgang des Krieges, der Auflösung des alten Wertesystems und der Erkenntnis des eigenen Versagens, zog sich Winckler zunächst aus der literarischen Produktion zurück, um sich zu besinnen. Zwar lebte der Bund durch die Herausgabe der neuen Zeitung »Nyland« beim Verlag Eugen Diederichs erneut auf, und Winckler war wieder als Herausgeber tätig, aber sein Engagement bei den ›Werkleuten‹ blieb im Gegensatz zur Vorkriegszeit wesentlich schwächer. Er veröffentlichte in »Nyland« ausschließlich Beiträge, die vor 1918 entstanden waren.« (Wolfgang Delseit)
Seinen Durchbruch erzielte Winckler, wie erwähnt, 1923 mit dem Tollen Bomberg (Ein westfälischer Schelmenroman). Seinen heimat- und regionalverbundenen Themen blieb er fortan treu.

Winckler hat viele Westfalenbekenntnisse abgelegt, dabei wohl wissend, dass er hiermit den Nerv des Publikumsgeschmacks traf. Wenn er wie selbstverständlich von den typisch westfälischen Besonderheiten sprach, leitete er damit eine undifferenzierte, wenngleich wirkungsvolle Restauration des Westfalenbewußtseins ein. So ist bei hm zu lesen:
»Westfale sein ist etwas Unabdingbares, nie Lostrennbares aus jenem schweren Blutsbann, der alle Westfalen verbindet und den selbst Glaubensspaltungen nicht aufzuheben vermögen. […] Erst draußen in der rheinisch-heiteren freieren Welt kam diese erdverwachsene Urgestalt meines Volkstums mir überwältigend näher, wesensverwandter! […] Ja, man sagt sogar, immer mehr kämen die typisch westfälischen Besonderheiten wieder hervor, ich spräche immer westfälischer, ähnelte mit den Jahren immer unverwischbarer meinen Landsleuten, würde schwerfälliger, eigenwilliger, rechthaberischer, zugleich auch versonnener und versponnener als der weltaufgeschlossene rheinische Mensch! Ich könnte überhaupt am Rheinufer nicht geboren sein – sowenig wie Grabbe oder Levin Schücking, wie der grüblerische Karl Röttger aus Lübbecke oder Karl Wagenfeld aus Münster, so wenig wie ein Harkort, Landois oder auch der tolle Bomberg!«
Die Züricher Zeitung stellte außerdem ideologisch verfängliche Tendenzen in seinen feuchtfröhlichen Legenden (Überschrift: »Volkstümlich ins Dritte Reich?«) fest.
Unbestreitbar ist Winckler eine der schillerndsten Figuren der westfälischen Nachkriegsliteratur. 1952 war er maßgeblicher Wiederbegründer und Ehrenvorsitzender der Dichtervereinigung Die Kogge, ein Jahr später wurde ihm der Annette von Droste-Hülshoff-Literaturpreis zuerkannt.


Literarische Stätten: Geburtshaus auf der Saline Gottesgabe in Rheine (Gedenktafel); hier hat die Stadt Rheine ein Winckler-Zimmer eingerichtet; am Geburtshaus steht auch die Tanzlinde, über die Passagen in Wincklers Mutterbuch handeln; Büste in der Stadtbibliothek. Die Stadt Rheine vergibt jährlich den Josef-Winckler-Preis an die besten Schulabgänger der Rheiner Schulen.


Weitere literarische Stätten: Das Franziskaner-Gymnasium in Rheine wurde von Bernard Overberg (s. Münster, Everswinkel) besucht und weiteren, in Münster wirkenden Gelehrten: Hyazinth Kistemacher (Schüler von 1763 bis 1772), Theodor Katerkamp (von 1778 bis 1780) und Georg Hermes (von 1788 bis 1792). Overberg wurde 1779 in der Bönekers-Kapelle des Hospitales Zum heiligen Geist zum Priester geweiht (Gedenktafel). Am heutigen, 1909 errichteten Gymnasium Dionysianum in Rheine unterrichtete von 1918 bis 1930 Anton Aulke (s. Warendorf).
Auf Schloß Bentlage bei Rheine hat die Europäische Märchengesellschaft e.V. ihren Sitz.

»Sie widmet sich der Aufgabe, die Volksmärchen zu bewahren und neu ins Bewußtsein des heutigen Menschen zu heben. 1956 in Schloß Bentlage […] gegründet als »Gesellschaft zur Pflege des Märchengutes der europäischen Völker e.V.«, hat sie das frühe Anliegen der Völkerverständigung ausgeweitet auf ein weitgespanntes internationales Engagement […]. Erzähler, Liebhaber, Feldforscher und Gelehrte aus allen Fakultäten wie auch Künstler finden sich […] in der Gesellschaft zusammen; sie setzen sich kritisch auseinander mit modischen Stömungen und tauschen Forschungsergebnisse und Erfahrungen mit dem Märchen aus.« (Europäische Märchengesellschaft 1991)
Jährlich werden von dieser Gesellschaft Tagungen und Internationale Kongresse veranstaltet. Seit 1985 besteht die Märchen-Stiftung Walter Kuhn, die in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft jedes Jahr einen Märchenpreis und Förderpreise vergibt. Die Gesellschaft betreut eigene Buchreihen (bisher 35 Bände) und unterhält eine Bibliothek im Torhaus von Schloß Bentlage.
 

Schauplatz: Schloß Bentlage ist Schauplatz von Levin Schückings Roman Paul Bronckhorst. Auf dem Rheiner Marktplatz spielt das neunte Kapitel von Grimmelshausens Simplicissimus.