Rödinghausen-Bieren

Wenig bekannt ist, dass sich in den Briefen Rainer Maria Rilkes (1875-1926) einige westfälische Impressionen finden. Im Jahre 1917 – noch während des Ersten Weltkrieges – gewährte ihm Hertha Koenig (1884-1976) für mehrere Monate auf ihrem alten Rittergut Böckel bei Bieren (Gemeinde Rödinghausen) Unterschlupf.

Rilke schrieb damals der Fürstin Maria von Thurn und Taxis: »[…] zum anderen Theil muß ich der Landschaft selbst schuld geben, die schwer und unklar und um so weniger übersehbar ist, als diese alten westfälischen Gutshöfe hinter Wassergräben und alten Linden, an den tiefsten und muldigsten Stellen des Landes liegen […] Das Gut heißt in alten Papieren und Inschriften »zum Böckel« und ich mußte die ersten Tage immer denken, so wäre die Gegend auch, so bocksprunghaft zufällig und ungeordnet. […] Aber ich lebe doch vor allem in meinen Stuben, die gute Frau Koenig hat mir sehr schöne im alten Flügel des Herrenhauses eingerichtet, der ein einfacher Bau des 17. Jahrhunderts ist, mit gut eingetheilten Fenstern, angenehmen Proportionen und mehr als einen Schritt tiefen Wänden […]. Das Schönste ist meistens die Anfahrt, die gerade in Böckel außerordentlich reizvoll ist, indem sie, zwei alte Wassergürtel auf Brücken überschreitend, durch drei Vorhöfe und mehrere Thore bis in den inneren, eigentlichen Schloßhof führt, der dann gleich gegen den Park zu sich offenhält und, wieder über Brücken, in ihn übergeht.«
Rilke wohnte damals in einer kleinen Wohnung im später nach ihm benannten Rilke-Turm aus dem 17. Jahrhundert. In Meine Erinnerungen an Rilke hat Hertha Koenig die Geschichte ihrer Bekanntschaft mit Rilke, die bis in den Winter 1914/15 zurückgeht, beschrieben und dort auch die Briefe, die sie von ihm erhalten hatte, einfließen lassen. Kennengelernt hatten sich beide bereits 1910 in Berlin auf einem Fest des Verlegers Samuel Fischer. Wie sehr Rilke seine Gönnerin schätzte, geht unter anderem daraus hervor, dass er ihr seine fünfte Duineser Elegie widmete.


Aber nicht nur zu Rilke, sondern auch zu vielen anderen bekannten Literaten – gleich welcher Weltanschauung – unterhielt die Mäzenatin freundschaftliche Kontakte. Zu ihrem Kreis zählten Salomo Friedländer (Pseudonym: Mynona, 1871-1946), Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), Lou Andreas-Salomé (1861-1937), die Fürstin Lichnowsky, Oskar Maria Graf (1894-1967), Karl Wolfskehl (1869-1948), Theodor Heuss (1884-1963), Martin Heidegger (1889-1976) und Carl Jacob Burckardt (1891-1974). Die meisten dieser Bekanntschaften gehen auf die Jahre zwischen 1905 und 1930 zurück, als Hertha Koenig für jeweils mehrere Monate in Bayern lebte und in ihrer Münchener Stadtwohnung einen literarischen Salon unterhielt. »Es wehte hier eine andere Luft. Junge expressionistische Dichter verkehrten bei ihr, und mit Rilke, Wolfskehl, Bernus und vielen bedeutenden Menschen war sie bekannt.« (Oskar Maria Graf)


Hertha Koenig war selbst nicht ohne Erfolg schriftstellerisch tätig. 1910 erschien bei C.H. Beck ihr erster Gedichtband Sonnenuhr. Weitere Veröffentlichungen – Sonette (1917), zwei Romane und eine Novelle – folgten bei Insel und Fischer.


Literarische Stätte: Bei dem um 1680 erbauten Gut Böckel handelt es sich um einen ehemaligen Adelssitz. Das Grab der Dichterin befindet sich auf dem privaten Friedhof Fuchsloch in Bieren. Gut Böckel soll einmal zu einem Kulturzentrum für Ostwestfalen mit einer ständigen Ausstellung zu Hertha Koenig ausgebaut werden. Eine Neuauflage ihrer Werke hat der Bielefelder Pendragon-Verlag gestartet.