Schwerte-Villigst

Gertrud von le Fort (s. Minden) war häufig zu Gast auf Haus Villigst, dem heutigen Studien- und Sozialwerk der evangelischen Kirche:

»Den lebendigsten Eindruck des westfälischen Landes empfing ich […] als Gast meiner Patin, der Baronin von Elberfeld auf Haus Villigst bei Schwerte. Frau von Elberfeld war die Freundin meiner Mutter, und ich war als Kind wie als junges Mädchen mehrmals von ihr eingeladen. Die Eigenart der dortigen Landschaft prägte sich mir tief ein; die weiten Wiesen, durch welche die Ruhr an Haus Villigst vorüberströmte, die waldigen Höhen mit dem Blick auf die fernen Industriestädte.
Von Haus Villigst aus wurde auch ein Ausflug nach Hohensyburg unternommen, von dem ich wohl erzählen muß, weil er auf meine dichterische Phantasie einen starken Einfluß übte. Ich verdanke diesem Ausflug die Anregung zu einer meiner frühesten Novellen. Sie geht bis in die Einzelheiten des Namens »Ania«, den ich auf einem Grabstein in Hohensyburg fand, auf jenen Ausflug zurück. Der Name vermählte sich mir mit jenen auch in Haus Villigst gehörten Erzählungen über das in Westfalen heimische »zweite Gesicht«.


Leiter des Evangelischen Studienwerks in Villigst war von 1950 bis 1957 Willy Kramp (*1909 Mühlhausen/Elsaß – †1986 Villigst). Nach fünfjähriger Gefangenschaft aus Rußland heimgekehrt, war ich als Leiter des Studienwerks nach Haus Villigst berufen worden.

»Die pädagogische Tätigkeit befriedigte mich sehr, doch mußte ich sie nach einiger Zeit wieder aufgeben, weil sie mir kaum Zeit ließ, weiterhin Bücher zu schreiben, wie ich es vor dem Krieg in Ostpreußen getan hatte. Mit meiner Familie zog ich in ein Häuschen hinter dem Villigster ›Ohl‹, das in einem großen und ziemlich verwilderten Garten stand. Indem ich meditativ das Wachsen, Blühen, Reifen der stummen Geschöpfe betrachtete und beschrieb, wurde mir erneut die Fähigkeit geschenkt, Menschen und Welt gelassen und liebend darzustellen.« (Willy Kramp)
Kramp wuchs in Pommern und Ostpreußen auf, studierte in Berlin, Bonn und Königsberg neue Sprachen, Philosophie und Psychologie und war bis zu seiner Zeit in Villigst als Lehrer sowie ab 1939 als Heerespsychologe und freier Schriftsteller tätig. Nach seiner Rückkehr aus russischer Gefangenschaft schrieb er in Villigst mehr als 20 Bücher, Romane, Erzählungen und Essays. Bekannt wurde er 1939 mit dem Ostpreußen-Roman Die Fischer von Lissau. Kramp wurde unter anderem mit dem Annette von Droste-Hülshoff-Preis ausgezeichnet.


»An seiner Überzeugung, daß der Mensch nicht nur böse, sondern auch gut ist, hat Willy Kramp ebenso unbeirrt festgehalten, wie am christlichen Glauben, den er als Geschenk ansah, durch das sein Leben reich und tief geworden sei. Im Alter wurde Kramp, der wie kaum ein anderer zeitlebens bemüht war, Dichtung und Religion miteinander in Einklang zu bringen, nach eigenem Geständnis, ein Mystiker.« (Ruth Allenstein)


Literarische Stätten: Haus Villigst; Willy-Kramp-Haus, Rheinener Weg 27; Kramps Grab auf dem Villigster Friedhof.