Soest

»Wenn man in Soest aufwächst, so denkt man immerfort an die Vergangenheit. Wie wohl alles war, denkt man und wird nicht müde, zu suchen, was etwa aus diesen Tagen des Glanzes und der Größe noch könnte geblieben sein« – so Rainer Maria Rilke (1875-1926), der Soest zwar nie besuchte, aber aus Erzählungen seines Freundes Otto Modersohn kannte.


Soests frühester Schriftsteller ist Johann von Soest (*1448 Unna – †1506 Frankfurt/Main; eigentlich J. Steinwerth). Der Dichter und Übersetzer war nach dem Tod seines Vaters im Gefolge des Herzogs Johann I. von Kleve nach Soest gekommen.

Werke: Margarete von Limburg (um 1480, Versepos nach Heinrich von Aken); Beichtspiegel (1483); Gereimte Selbstbiographie (1504).


Ferdinand Freiligrath (s. Detmold, Leopoldshöhe-Niederbarkhausen u.ö.) kam 15jährig nach Soest, um hier eine Kaufmannsausbildung zu absolvieren. Aus dieser Zeit (1825-32) liegen zahlreiche, auf die Stadt bezogene Gedichte vor. Freiligrath schilderte darin die mittelalterlichen Eindrücke, die das »graue, öde Susatum« auf ihn ausübte. Die markanten Sehenswürdigkeiten der Stadt erscheinen in romantischer Verklärung, so der Große Teich, das Wallrondell am Grandwegstore, das Kattentor, der Turm der Thomäkirche, das Nöttentor, der Mauerturm auf dem Ulrichswalle. Zu dieser Gedichtgruppe zählen neben drei Liedern zur Feier des Soester Schützenfestes auch Sonst und jetzt oder Adler und Schlüssel, ein weiteres Preislied auf die Stadt.
Mit der Stadt Soest verband Freiligrath auch später viele, allerdings nicht ausschließlich angenehme Erinnerungen. Als er, erwachsen geworden, vom weltstädtischen Amsterdam – wo er eine lyrisch produktive Phase erlebte hatte – in das provinzielle Soest zurückkehrte und seine Schaffenskraft erlahmte, ging er mit der Stadt hart ins Gericht. Nun war sie ihm als altes Nest zuwider. Er sehnte sich nach einer großen Stadt, deren Vorzüge man fühlt, wenn man nicht drin ist. In Soest machte Freiligrath seine erste literarische Krise durch. Er half sich mit Übersetzungen und der Sammlung und Ausfeilung seiner Gedichte weiter. Als seine erfolgreiche Gedichtausgabe von 1838 erschien, hatte er die Stadt bereits wieder verlassen.


Literarische Stätten: Freiligraths Wohnhaus 1825-32 bei seinem Onkel Schwollmann ist erhalten; es ist das in Freiligrath-Haus umbenannte Haus zur Rose, Rosenstraße 2 (Gedenktafel); Freiligrath-Brunnen auf dem Soester Marktplatz.


»Hugo Kükelhaus (*1900 Essen – †1984 Herrischried) – Tischler, Künstler, universaler Denker, Pädagoge – lebte seit 1949 in Haus Kätelhön in Wameln am Möhnesee, wo sein philosophisch-dichterisches Hauptwerk Das Wort des Johannes (1953) entstand. 1954 baute er eine alte Fachwerkscheune im Soester Bergenthalpark zu seinem unbezahlbaren Haus um. Drei Jahrzehnte bis zu seinem Tod blieb Soest sein Lebens- und Schaffenszentrum zwischen unzähligen Vortragsreisen und den Ausstellungen seines Erfahrungsfeldes zur Entfaltung der Sinne, die seit 1975 mit großem Erfolg durch Deutschland und das deutschsprachige Ausland wandern. In den Soester Jahren entstand ein großer Teil von Kükelhaus' schriftstellerischem, vornehmlich essayistischen Werk – die Bibliographie umfaßt 270 Titel –, hierzu zählen auch Bildgeschichten, Zeichnungen, Entwürfe und anderes mehr. Spuren seiner gestalterischen, innenarchitektonischen Arbeit finden sich außer in Soest (Mosaikwand im Kreishaus) an zahlreichen Orten Westfalens (Domgestühl in Münster, plastische Wand im Stadttheater Dortmund usw.). Freundschaften verbanden ihn im westfälischen Raum mit dem Maler Hans Kaiser, über dessen Glasfenster er mehrfach schrieb, mit den Schriftstellern Erwin Sylvanus (s. Möhnesee-Völlinghausen, Soest), Ernst Meister (s. Hagen-Haspe, Schmallenberg-Bracht) und Albert Renger-Patsch. 1978 erhielt er den Konrad von Soest-Preis. Der ganzheitliche, humanökologische Ansatz des Kükelhausschen Denkens wird in seiner aktuellen Bedeutung zunehmend und weit über Westfalen hinaus erkannt.« (Uta Joeressen)


Literarische Stätten: Das Haus Kükelhaus beherbergt seit 1988 die Arbeitsstelle Kükelhaus, die zum Stadtarchiv Soest gehört. Sie betreut den umfangreichen Nachlaß, der zahlreiche unveröffentlichte Manuskripte und Korrespondenzen mit bedeutenden Zeitgenossen enthält. Zwei Arbeitsräume von Kükelhaus sind originalgetreu zu besichtigen. Es gibt Pläne, die Arbeitsstelle zu einem Kükelhaus-Zentrum auszubauen. Einsichtnahme in den Nachlass und Besichtigung des Hauses sind nach Anmeldung möglich.


Hinweise: In Soest stand die Wiege und das Sterbebett von Erwin Sylvanus' (s. Möhnesee-Völlinghausen).

Aus Soest stammt der Theologe und Dichter August Disselhof (1829-1903) (s. Arnsberg). August Kracht (1906-1987) (s. Dortmund-Benninghofen) verbrachte einige Jahre als Zeitungsredakteur in Soest.


Schauplatz: In Soest und Umgebung spielen Erwin Sylvanus' Der Paradiesfahrer (Soest-Roman, 1949) und sein Soester Friedensspiel, weiterhin Juliane von Stockhausens Meister Albert und der Ritter (München 1932), Wilhelm Engelkes Theodor Obermeyer (Roman, Braunschweig 1919), Wilhelm Jensens König Friedrich (historischer Roman, Berlin 1908), Robert Hülsemanns Soester Schnurren (Bad Rothenfelde 1927), Teile aus Alfred Funkes Westfalenroman Der Bruch im Lande (Halle 1924), Heinrich Luhmanns Der Pflug im Acker (Roman, 1930), Ilse Molzahns Töchter der Erde (1941); außerdem Erzählungen von Gerrit Engelke und Ludwig Bäte sowie Wilhelm Gössmanns Porträt: Hier ist gut sein. Bilder einer Landschaft (Soest 1988).