Das Wasserschloß Thienhausen bei Steinheim im Kreis Höxter genoß im 19. Jahrhundert den Ruf eines beliebten Künstler- und Literatentreffpunktes. Hausherr der »Herberge der Gerechtigkeit«, wie Levin Schücking (s. Münster, Sassenberg u.ö.) das Schloß in einem gleichnamigen Roman nannte, war seit 1843 August von Haxthausen (1792-1866), der »Tyrann von Thienhausen«, ein Onkel der Droste.
Lulu von Strauß und Torney (1873-1956) beschrieb ihn in ihrem Roman Vom Biedermeier zur Bismarckzeit als eine höchst originelle, kantige und schrullige Persönlichkeit, um die sich ein ganzer Kranz von Legenden bildete […]:
»In der alten Burg war sommerlang ein fortwährendes Kommen und Gehen von Gästen, die Gaststuben standen nie leer, und man traf immer irgendwelche bedeutenden Leute dort, vor allem aus dem Kreis der westfälischen Romantik […] Dem Tyrannen selbst konnte die Burg gar nicht voll genug, das geistreich ausgelassene Treiben gar nicht toll genug sein.«
In Schückings genanntem Roman sind einige typische Thienhauser Salongespräche nachgestellt. Er legte dabei einer Romanfigur folgende Worte über den Baron Bellersheim (hinter dem sich unzweifelhaft August von Haxthausen verbirgt) in den Mund:
»Ich möchte sehen, wie kahl die Welt würde, wenn die Sammler nicht wären, um ihr die besten und schmückendsten Besitztümer zu retten […]. Und mit wehmütigen Nachklang: Die alten Traditionen verlieren sich mehr und mehr aus dem Volke.»
Haxthausens Persönlichkeit erschließt sich vor allem von dieser Seite her. Mitbestimmt durch eine enge Freundschaft mit den Brüdern Grimm, bemühte sich der gesamte Haxthausen-Kreis um die Sammlung und Erhaltung literarischen Volksgutes (s. Brakel-Bökendorf). Haxthausen besorgte ferner eine Neuauflage von Christian Reuters berühmtem Schelmenroman Schelmuffsky. Wahrhaftige Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande und begründete 1817/18 den spätromantischen Dichterverein »Die poetische Schusterinnung an der Leine«, an dessen Organ Die Wünschelruthe unter anderem Achim von Arnim und Clemens Brentano, Ernst Moritz Arndt und die Brüder Grimm mitwirkten.
Für Lyrik hatte der Tyrann hingegen wenig übrig. Schücking läßt ihn sagen:
»Jeder Thurm hat seine Sage und jedes Haus hat seinen Roman […] und oft auch ist's ein ganz richtiges Drama; was aber die Lyrik angeht, so wird ihrer zwar viel schriftlich angefertigt, im Leben aber spielt sie eine geringe Rolle.«
Annette von Droste-Hülshoff (s. Münster-Nienberge u.ö.) spielt in ihren Briefen mehrfach auf diese Abneigung ihres Onkels an. Seine Anregungen, ein Lustspiel im vaterländischen Dialekt zu schreiben, das im Bauernmilieu spielen sollte, griff sie jedoch nicht auf, wie sie ebenso auch seinen späteren Sammlungen von frommen Wallfahrts- und Arbeitsliedern uninteressiert gegenüberstand.
Ein wenig bekanntes literarisches Porträt August von Haxthausens verdanken wir Karl Gutzkows auf westfälischem Boden spielendem Roman Der Zauberer von Rom (1859-61). Dort stand Haxthausen für den Baron von Hülleshoven Modell. Er wird dort bis zur Karikatur überzeichnet, erscheint als alter Junggeselle, der je älter, je grilliger wird. An anderer Stelle heißt es:
»Levin von Hülleshoven ist ein geistvoller, unterrichteter Mann, aber schrullenhaft und afterklug. Die Sicherheit, mit der er sich schon vor vierzig Jahren auf den Bau von Pyramiden verstand, während ihm jeder Backofen, den er bauen ließ, zusammenfiel, wird sich […] nicht gebessert haben […]. Abenteuerliche Gelehrsamkeit ist allda sein Steckenpferd.«
Nach Haxthausens Tod wurde das 1905 durch ein Feuer schwer beschädigte Schloß Thienhausen von 1867 bis 1887 von Friedrich Wilhelm Weber (s. Bad Driburg-Alhausen u.ö.) bewohnt. »In der Ruhe des runden Turmzimmers fand er die notwendige literarische Muße, um an seinem Versepos Dreizehnlinden zu arbeiten. Wenn jede Familie einen Höhepunkt ihrer Blüte hat, wo der Genius des Hauses am heitersten und freiesten seine Flügel entfaltet, so war dies im Heimwesen unseres Dichters während der in Thienhausen verlebten Jahre der Fall. Es war ein schönes und frohes, innerlich reiches Leben, daß in diesen Räumen still und friedlich dahinfloß. Freunde und Bekannte wurden hier mit herzlicher Gastlichkeit aufgenommen; sie fühlten sich behaglich und wohl in dem einsamen Waldschlosse, und unter dem Schirme edler und feiner Sitte fanden sie hier die mannigfaltige Anregung für Kunst und Literatur.« (Julius Schwering)
Literarische Stätte: Schloß Thienhausen wurde unter anderem von den Brüdern Grimm, dem Droste-Schwager Josef von Laßberg, Levin Schücking und Viktor von Strauß und Torney besucht. Heute ist es, nach baulicher Renovierung, mit Ferienwohnungen eingerichtet.