Tecklenburg

In Tecklenburg, im Hause seiner Schwester, starb Heinrich Hart (1855-1906), der gemeinsam mit seinem Bruder Julius (1859-1930) (s. Münster) ein führender Programmatiker und Wegbereiter des Literarischen Naturalismus war. Aus der Frühgeschichte der literarischen Moderne sind die Harts deshalb nicht wegzudenken. Nach dem Studium der Geschichte, Philosophie und Neueren Sprachen in Halle, München und Münster waren Heinrich und Julius Hart ab 1878 Leiter der Deutschen Monatshefte in Berlin. Von 1879 bis 1882 gab Heinrich Hart den Deutschen Literaturkalender und ab 1883 die Zeitschrift Kritische Waffengänge heraus. Julius Hart, der ebenfalls häufig nach Tecklenburg kam, gründete die sittlich-religiöse Neue Gemeinschaft. Von Heinrich Harts Werken seien hier neben zahlreichen Novellen die Geschichte der Weltliteratur und des Theaters (1894f.) und Revolution der Ästhetik (1908) genannt. In seinen Erinnerungen umreißt Heinrich Hart seine und seines Bruders Bedeutung für die deutsche Literaturgeschichte mit den Worten: »Wir haben keine Schule begründet und kein Programm ausgegeben, wohl aber die Losung, und es sind Erregungen von uns ausgegangen, die das Wollen des jungen Geschlechts entzündeten. Erregungen – nicht mehr und nicht weniger.«

In einer heutigen Einschätzung heißt es: Als »Genies der Freundschaft« haben sie [die Brüder Hart] die frühe Literatenbohème der «modernen Dichtercharaktere« gesammelt wie den »Friedrichshagener Dichterkreis« mitgeprägt, sie waren Mitglieder der literarischen Vereinigung »Durch!«, welche durch die Publikation ihrer Thesen im Jahre 1887 »die Moderne« als Schlagwort in Umlauf brachte, und an der Geschichte der »Freien Bühne« wie der der Volksbühnen hatten sie Anteil. Ihre finanziell stets prekäre Situation, die Ernst von Wolzogen in der Farce »Das Lumpengesindel« gespiegelt hat, besserte sich erst um die Jahrhundertwende, als beide Brüder fest an der neuen Tageszeitung »Der Tag« angestellt wurden, die zu dem rasch expandierenden Verlagskonzern August Scherls gehörte. Die provinziellen »Genies« waren damit im hauptstädtischen Kulturbetrieb integriert – eine für das 20. Jahrhundert prototypische Karriere. (Ernst Ribbat)

Literarische Stätte: Die Grabstätte Heinrich Harts liegt auf dem Evangelischen Friedhof an einer Heckenwand gegenüber dem Eingang.

 

Dem Tecklenburger Parabeldichter Friedrich Adolf Krummacher (1767-1845) zollte Goethe höchstes Lob: »Seine tiefen Dichtungen sind nach Inhalt und Form klassisch und überstrahlen die Herderschen.«

Krummacher wirkte als Hauslehrer, Rektor, Prediger und Theologieprofessor zunächst in Hamm, dann am Niederrhein, in Münster und auf Empfehlung der Fürstin Pauline zur Lippe in Bernburg und schließlich in Bremen. Krummacher fühlte sich der westfälischen Landschaft vielfältig verbunden. Besonders schätzte er die Ruhrgegenden in Südwestfalen.

Auf einer Ruhrreise entstanden 1806 die elegischen Verse:

»Hier will ich, hingelehnt an eines Felsen Rand, / In heil'ger Eichen nächtlich dunklem Grau'n / O holde Phantasie! an Deiner Hand / Des schönen Ruhrtals Krümmung überschau'n! / Zu meinen Füßen rauscht, rings vom Gebüsch umkränzt, / Der Strom hinab. durchs bunte Wiesenthal / Klingt er dahin; in seinem Spiegel glänzt / Des Waldes Grün, der Fels, der Abendröthe Strahl.« (1806)

Literarische Stätte: Geburtshaus gegenüber dem Eingang zum Kreisheimathaus, Krummacher-Straße 2 (Gedenktafel).

 

Hinweise: In Tecklenburg verstarb 1588 der Leibarzt des Herzogs von Jülich-Kleve-Berg, Johann Weier (*in Grave/Niederlande 1515), der als literarischer Vorkämpfer gegen Hexenwahn und Glaubensfanatismus bekannt wurde. Zur Erinnerung an ihn wurde am Wierturm auf dem Burggelände eine Gedenktafel angebracht.

 

Schauplatz: Emil Frank wählte Tecklenburg zum Schauplatz seiner Erzählung aus einer kleinen Residenz (Münster 1927) und seines Romans aus dem 13. Jahrhundert, Konrad von Brochterbeck (Osnabrück 1924).