Nestor der westfälischen Literaturgeschichte ist der Münsterer Germanist Julius Schwering. Er betreute über 230 Dissertationen, ein Großteil davon zu Themen der westfälischen Literaturgeschichte. In den 1960 und 1970er Jahren wandte sich die Forschung eher Spezialthemen zu, wobei der »Kreis von Münster« und die »Droste-Forschung« im Mittelpunkt standen. Die erste umfassende monografische Abhandlung zur westfälischen Literaturgeschichte erschien erst 1983. Gemeint ist Renate von Heydebrands Untersuchung »Literatur in der Provinz Westfalen 1815-1945. Ein literarhistorischer Modell-Entwurf«. Die Arbeit bezieht eine ungemeine Materialfülle ein und wurde allein schon hierdurch wegweisend für die weitere Forschung. Sie ist ein Beispiel für die in den 1970er Jahren erfolgte Öffnung der Germanistik gegenüber sozialgeschichtlichen und soziologischen Fragestellungen. Mit der Abkehr von einer ausschließlichen Betrachtung der »Höhenkamm-Literatur« rückten die vermeintlichen poetae minores ins Blickfeld. Die Provinz biete, so Renate von Heydebrand, »als überschaubarer Raum die günstige Gelegenheit, einmal ohne vorausgehende ästhetische Wertung alle Erscheinungen des literarischen Lebens gleichermaßen zu beobachten und ganz konkret den Zusammenhang von Literatur und Leben in allen Schichten und mit allen Funktionen zu erforschen«. Und: »Literatur wird nicht (nur) als Kunst verstanden… Literatur erscheint vielmehr als eine Form sozialen Handelns, die auch unter ganz bestimmten regional-historischen Bedingungen ganz unterschiedlichen Wertvorstellungen und Handlungsnormen folgt und auf diese zurückwirkt.« Die Verfasserin nahm die Region Westfalen als Modell, um die Wechselwirkung von Literatur und Gesellschaft auf der Grundlage des »ganzen literarischen Lebens in seiner Vielfalt« und, wie sie schreibt, »oft auch Trivialität« zu untersuchen. Die 1995 von Winfried Freund vorgelegte Untersuchung »Die Literatur Westfalens« bildete demgegenüber einen Rückschritt. Der Arbeit wurde zu Recht mangelndes bzw. antiquiertes Methodenbewusstsein vorgeworfen. – Ein breiteres Fundament erhielt die westfälische Literaturforschung durch die Einrichtung eines »Referats Literatur« beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) Ende der 1980er Jahre. Hieraus ging 1998 die Literaturkommission für Westfalen als eine von sechs wissenschaftlichen Kommissionen des LWL hervor. Die Kommissionen gab unter anderem ein 4-bändiges »Westfälisches Autorenlexikon« heraus, das über 2.000 Schriftstellerinnen und Schriftsteller porträtiert und inzwischen online abrufbar ist. Daneben veröffentlicht sie ein eigenes Periodikum, eine Monografienreihe und Tonzeugnisse zur westfälischen Dichtung, betreut ein eigenes Literaturarchiv und hat die wissenschaftliche Leitung des »Museums für Westfälische Literatur« inne. Außerdem führt die Kommission die Arbeit der 1970 gegründeten Droste-Foschungsstelle weiter, in der 2002 die Historisch-kritische Droste-Ausgabe abgeschlossen wurde. Besondere Erwähnung verdient das 1995 an der Universität Paderborn eingerichtete Jenny-Aloni-Archiv, in der eine Aloni-Gesamtausgabe entstand. Im Maschinen- und Heimatmuseum Eslohe wurde der dort verwahrte Nachlass der Sauerländischen Schriftstellerin Christine Koch im Rahmen einer Werkausgabe der Autorin aufgearbeitet. Auf theoretischer Ebene wird der Aspekt »regionale Selbstfindung« in dem von Wilhelm Gössmann/Klaus-Hinrich Roth hg. Sammelband »Literarisches Schreiben aus regionaler Erfahrung« (1996) diskutiert, der Westfalen breiten Raum widmet. Um eine theoretische Standortbestimmung geht es auch in dem von Martina Wagner-Egelhaaf hg. Sammelband „Region – Literatur – Kultur. Regionalliteraturforschung heute (2001). Die wissenschaftliche Erforschung der Literatur des Ruhrgebiets ist eng mit den Namen Erhard Schütz und Dirk Hallenberger verknüpft. Letzterer veröffentlichte 2000 »Industrie und Heimat. Eine Literaturgeschichte des Ruhrgebiets«. Bereits 1990 erschien, hg. von Hallenberger, Dirk van Laak und Erhard Schütz, eine materialorientierte »Annotierte Bibliographie zur Literatur über das Ruhrgebiet von den Anfängen bis 1961«.