Das schon erwähnte Schmallenberger Dichtertreffen 1956 (s. das Stichwort »Innovation«) ist der einzige »wirkliche« Literaturskandal der westfälischen Literaturgeschichte. Äußerungen wie »Westfalen sei lediglich eine Mystifikation« (Paul Schallück) oder Westfalen sei »nicht mehr als ein Verwaltungsbezirk« (Hans Dieter Schwarze) wirkten wie ein Dolchstoß für manches treue Westfalenherz. Die jungen Autoren votierten für literarisches Formbewusstsein und den Anschluss an die literarische Moderne Deutschlands, ja Europas. Das Presseecho auf das Schmallenberger Treffen war enorm und übertraf alle Erwartungen der Beteiligten. Die Kontroverse wurde noch jahrelang westfalenweit und zum Teil von heftiger Polemik begleitet weitergeführt. Der Dichterstreit führte zu einer Polarisierung, rief Emotionen wach, erhitzte die Gemüter. Dem Schmallenberger Ereignis folgte eine grundlegende Weichenstellung in der westfälischen Literatur- und Kulturgeschichte. Eine ganze Traditionslinie lief aus. Das »alte Westfalen« nahm seinen Abschied. Die Sache als solche – westfälische Dichtung um Westfalens willen – kam in Verruf. Zugleich zog sich der Westfälische Heimatbund weitgehend aus der Literaturförderung zurück. Viele Verkrustungen brachen auf. Im Rückblick urteilten zwei der beteiligten Autoren: »Das ›Schmallenberger Ereignis‹ ist eine der heilsamsten und spontansten geistigen Auseinandersetzungen gewesen, die Westfalen in den letzten Jahren erlebt hat. Sie hat erwiesen, dass sich eine Heimatdichtung noch längst nicht von selbst versteht und wie alle echten schöpferischen Vorgänge ein ‚brutales Geschäft’ ist, das zu täglich neuen Auseinandersetzungen herausfordert.« (Walter Vollmer, 1963) – »…eines ist sicheres Faktum geworden: Seit Schmallenberg gibt es keine Kontinuität mehr in der westfälischen Literatur… Tränen der Trauer oder der Wut sind deswegen nicht mehr am Platze.« (Friedrich Wilhelm Hymmen, 1969)