Anton Mathias Sprickmann (1749-1832) ist der erste »wirkliche« Dichter Westfalens. Er unternahm seine ersten schriftstellerischen Versuche als »Hofdichter« des Ministers und Generalvikars Franz von Fürstenberg (1729-1810). Gewissermaßen auf Bestellung verfasst er für das von Fürstenberg 1775 gegründete Münsterer Theater Dramen, Lustspiele und kleinere Theaterszenen. Ambitionierter und eigenständiger wurde sein literarisches Schaffen durch die Bekanntschaft mit Literaturgrößen der Zeit wie Klopstock, Bürger, Hölty, Voß und Boie. Sie ermutigten ihn, sein Talent konsequent zu verfolgen, und sagten ihm eine glänzende literarische Zukunft voraus. In dieser Zeit veröffentlichte er in den bekanntesten deutschen Musenalmanachen. 1777 wurde sein Drama »Eulalia« zu den besten Stücken des Jahres gezählt und machte »Sensation in der Lesewelt«. Sein Lustspiel »Der Schmuck« wurde mit großem Erfolg auf fast allen deutschen Bühnen gespielt. 1779 wurde es in Wien preisgekrönt und später von Goethe in Weimar inszeniert. Sprickmanns literarisches Credo lautete: »Die Summe der Dichtung ist der leidenschaftliche Mensch«. Als er wegen seiner belletristischen Neigungen in Münster verspottet wurde, verzweifelte er an seiner Begabung und entsagte der Dichtkunst. Er schloss sich in Münster dem religiösen Kreis um die Fürstin Gallitzin an und entschied sich für die bürgerliche Laufbahn eines Universitätsprofessors in Münster, später Breslau und Berlin. Sprickmann machte sich auch einen Namen als literarischer Organisator und Mentor. Seine berühmteste Schülerin war Annette von Droste-Hülshoff.Die Tragödie setzt jene Maxime in die Tat um, die Sprickmann in seiner Schrift »Etwas über das Nachahmen […]« 1776 (also in relativer Nähe zur Entstehungszeit des Trauerspiels) darlegte: »Die Summe der Dichtung ist der leidenschaftliche Mensch.« Im Zentrum von »Eulalia« steht ein kraftgenialischer, gleichwohl sensibler und labiler Charakter, der Fortgang der Handlung ist stark von Emotionen bestimmt. Sprickmanns »Gemälde menschlicher Leidenschaften« vereint damit zugleich Hauptelemente des Sturm-und-Drang-Dramas. Die Handlung lebt von Raseszenen, Turbulenzen und überhitzten Monologen. Hauptakteur ist ein mit allen Insignien der Macht ausgestatteter Herzog. Er ist ein leidenschaftlich, aber unglücklich Liebender. Seine Sehnsucht nach erfüllter Liebe führt den tragischen Ausgang der Handlung herbei. Dabei nutzt der Herzog seine politische Machtstellung schamlos aus. Den Part der »schönen Seele« spielt die verheiratete Gräfin Eulalia. Sie verursacht aus Gutgläubigkeit die Katastrophe des Trauerspiels. Eulalia will den am französischen Hof sittlich verdorbenen Herzog – einst ein tugendhafter Jugendbekannter – auf den Pfad der Tugend zurückführen. Bei einem Gespräch mit ihm entfacht sie die Liebe des sinnlichen, jedoch durch seine Heirat und eine Mätresse gleich zweifach gebundenen Herzogs. Das Gespräch wird von einem französischen Marquis, einer Ausgeburt an Boshaftigkeit, belauscht. Der Herzog ist anfangs gewillt, sein Leben zu ändern; als ihm jedoch der Marquis einen verruchten Plan unterbreitet, wie er Eulalia gewinnen kann, bricht sein Widerstand… Die Analogien zu Lessings »Emila Galotti« sind überdeutlich. Im Gegensatz zu Lessing erschafft Sprickmann jedoch kein Verstandesdrama, sondern ein Drama lebendiger Leidenschaft. Von daher ist »Eulalia« eine Weiterdichtung unter anderen Prämissen.
Tondokumente
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Eulalia audio/mpeg, 10 MB
