1851 Annette von Droste-Hülshoff: Das geistliche Jahr

»O Gott, ich kann nicht bergen, / Wie angst mir vor den Schergen, / Die du vielleicht gesandt, / In Krankheit oder Grämen / Die Sinne mir zu nehmen, / Zu tödten den Verstand! // Es ist mir oft zu Sinnen, / Als wolle schon beginnen / Dein schweres Strafgericht, / Als dämmre eine Wolke, / Doch unbewußt dem Volke, / Um meines Geistes Licht.« Annette von Droste-Hülshoffs »Geistliches Jahr« zählt zu den herausragenden Beispielen religiöser Lyrik. Die Autorin begann die Arbeit an diesem Werk als etwa 20-Jährige. Sie beabsichtigte damals, ihrer tiefreligiösen Großmutter selbstverfasste fromme Lieder zum Weihnachtsfest zu schenken. Unter Einfluss einer unglücklichen Liebesbeziehung nahmen die Texte jedoch einen ganz anderen Charakter an. Sie wurden zu einer Bekenntnisdichtung, in der die Droste auf existentielle Weise ihre Glaubenszweifel thematisiert. Von Selbstzweifeln gepeinigt charakterisierte sie die Gedichte als »ein betrübendes… Ganze, nur schwankend in sich selbst, wie mein Gemüth in seinen wechselnden Stimmungen«. Brieflich gibt sie an, während der Niederschrift »unendlich niedergedrückt« gewesen zu sein. Fast zwanzig Jahre später nahm die Autorin die Arbeit auf Drängen ihres literarischen Mentors Christoph Bernhard Schlüter wieder auf. Im Laufe des Jahres 1839 entstanden 46 weitere Texte, deren Abfassung die Droste psychisch und physisch sehr angriff. »Das Hingeben an die rein religiöse Poesie«, schrieb sie, habe »etwas den Körper und alle Nerven zu furchtbar Erschütterndes«. Damals war die 42-Jährige bereits schwer von Krankheit gezeichnet. Sie schrieb einem Freund: »bethen Sie für mich, daß ich nicht gar zu unreif wegenommen werde, – es hat große Gefahr! der heftige Blutandrang nach dem Kopfe nimmt von Jahr zu Jahr mehr Ueberhand, und ich zweifele kaum an einem plötzlichen Ende. – doch darf ich plötzlich nennen was ich Jahre lang voraus sehe? so lassen wir Gottes Gnaden verkommen.« Schlüter ließ die Autorin wissen: »Wollte Gott, ich könnte diese Lieder herausgeben, es wäre gewiß das Nützlichste, was ich mein Lebelang leisten kann, … aber es geht nicht.« Sie spielt hier auf familiäre Rücksichten an, die sie zu nehmen hatte. Als eine Art literarischer Testamentsvollstrecker gab Schlüter den Text 1851 aus dem Nachlass der Autorin heraus.

Tondokumente

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  • Pfingstmontage audio/mpeg, 3 MB
  • Sylvester audio/mpeg, 2 MB