1874 Jodocus Donatus Hubertus Temme: Mord beim Sandkruge

Es fehlt nur noch das schreiende Käuzchen. Ansonsten werden alle Register des Grauens strapaziert: Ein verlassenes Haus mit zwielichtigen Katakomben, Gestalten, die bei Nacht und Nebel herumschleichen, eine »seltsame, unheimliche«, ganz in schwarze Seide gehüllte Frau, natürlich ein Mord, bei dem nicht allein ein Doppelgängermotiv eine Rolle spielt, sondern gleich drei Verdächtige sich offensichtlich wie ein Ei dem anderen ähneln. Weiterhin im Spiel: anrüchige finanzielle Transaktionen, ein Erpressungsmanöver, ein Entführungsversuch, ein blinder Passagier sowie eine Familiensaga, die bis nach Moskau führt – bevor alles nach lediglich 150 Seiten in ein Happyend einmündet – eine äußerst komplex angelegte und kompakt erzählte Geschichte, die ihrem Untertitel »Ein verwickelter Kriminalfall aus der Zeit der Postkutsche« alle Ehre macht und die dem Leser höchste Lesekonzentration abverlangt. Es kommt, wie bei  allen guten Detektivgeschichten, auf jedes Detail an. Jodokus Donatus Hubertus Temme (1798-1881) war nach 1850 ein wichtigste Autor sogenannter »Richtergeschichten«, d.h. Detektiverzählungen, in denen ein Fall à posteriori aus der Sicht des Untersuchenden aufgerollt wird und in denen ein Justizbeamter, der seine Fälle vorwiegend vom Schreibtisch aus löst, eine zentrale Rolle spielt. Damit war er Pionier der Detektiverzählung in Deutschland, in deren Mittelpunkt weniger das Verbrechen selbst als die ausführliche Schilderung seiner Aufklärung, die Erhellung eines zunächst unerklärlichen Tatbestandes, die Lösung eines verwickelten Problems mit Hilfe von Indizien und logischer Schlussfolgerungen steht.

Mit solchen Kriminalerzählungen verfolgte Temme aufklärerische Ziele. Im Zentrum seiner »Verbrechererzählungen« steht die Kritik an einer juristischen Praxis, die oft selbstherrlich und willkürlich verfuhr. Thematisch geht es immer wieder um die Verstrickung des Menschen im Dickicht preußischer Zivil- und Strafgesetze sowie um die Kluft, die sich zwischen Recht (Moral) und Gesetz auftut. Von daher waren die erwähnten gruseligen Zutaten nicht mehr als Staffage, Mittel zum Zweck.

»Mord am Sandkruge« bietet auch heutigen Lesern spannende Lektüre. Störend wirkt sich allerdings die allzu geraffte und komprimierte Komposition aus. Sie dürfte eine Konzession an die literarischen Usancen der Zeit gewesen sein. Die Erzählung erschien zunächst in einem literarischen Journal. Von daher war ein begrenzter Umfang vorgegeben. Temme war auf solche Veröffentlichungen angewiesen. Er war, wie er selbst sagte, ein „Tagelöhner der Feder“. Der ehemals hohe preußische Justizbeamte war wegen seines demokratischen Standpunktes von seinen Dienstherren ohne Pensionsansprüche entlassen worden. Um seine vielköpfige Familie zu ernähren, entwickelte er eine literarische Produktivität sondergleichen. Die meisten seiner weit über hundert Einzeltitel fallen in die Zeit seines Schweizer Exils und entstanden in rund 25 Jahren. Hinzu kamen die erwähnte hohe Zahl juristischer Schriften, vier regionale Sagensammlungen sowie seine »Erinnerungen«, die allerdings erst postum 1883 erschienen.

Tondokumente

  • Mord beim Sandkruge audio/mpeg, 3 MB