Der in Münster geborene August Stramm (1874-1915) war für die deutsche Literatur das, was Wassily Kandinsky für die Malerei oder Arnold Schönberg für die Musik war: Ein Erfinder der Abstraktion. In Stramms radikaler Kunst wird das Wort von seiner konventionellen Bedeutung befreit – durch Erneuerung des Wortschatzes, durch weitgehenden Verzicht auf Adjektive, durch das Umfunktionieren von Adjektiven zu Verben, durch radikale Verkürzung des Verses bis auf das isoliert stehende Einzelwort, durch ungewöhnliche Kopplungen von Wörtern, durch das unmelodische Collagieren eines Textes. Autoren wie Arno Schmidt, Mitglieder der Wiener Gruppe, Rolf Dieter Brinkmann, Paul Celan, Günter Grass, Ernst Jandl und Paul Wühr beriefen sich später auf Stramm. Zwei repräsentative Stimmen zum Werk lauten: »Ich weiß keinen, der so, ohne zu spielen und Faxen zu machen, mit der deutschen Sprache gewaltsam umgesprungen wäre, als mit einem Stoff, den er bezwang und der nicht ihn bezwang. Niemand war von so vorgetriebenem Expressionismus in der Litteratur; er drehte, hobelte, bohrte an der Sprache, bis sie ihm gerecht wurde… Seine Sachen sind… puritanisch echt und unnachgiebig.« (Alfred Döblin) – »Die Art, wie Stramm seinem Gefühl Ausdruck gibt, ist so rücksichtslos, so bewusst und von einer so schöpferischen Lust eingegeben und bestimmt, die sich so wenig um die Trägheit des Lesers kümmert, wie der Komponist einer Chaconne oder wie der Maler heute. Unser Gefühl von der Welt findet keinen anderen Ausdruck.« (Franz Marc) Stramms literarischer Durchbruch erfolgte in seinen Berliner Jahren 1912 und 1913. In Auseinandersetzung mit der Literatur und Kunsttheorien der Zeit entwickelte er eine eigenständige Literatursprache. Nachdem er für seine Dramen und Lyrik zunächst keinen Verleger gefunden hatte, wurde Herwarth Walden sein entschiedener Protege. Im Laufe von etwa fünf Monaten entstanden zahlreiche Werke, denen Walden in seiner für die literarische Moderne wegweisenden Zeitschrift »Sturm« zum Abdruck verhalf. Die Sammlung »Du. Liebesgedichte« erschien im Verlag »Der Sturm« und erlebte dort bis 1922 fünf Auflagen. Es folgten zahlreiche spätere Nachdrucke.
Tondokumente
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Liebeskampf audio/mpeg, 2 MB
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Erinnerung audio/mpeg, 1 MB
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Abendgang audio/mpeg, 903 KB
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Heimlichkeit audio/mpeg, 608 KB
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Mondschein audio/mpeg, 570 KB
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Erfüllung audio/mpeg, 2 MB
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Mondblick audio/mpeg, 2 MB
