Die entscheidende literarische Station Richard Huelsenbecks (1892-1974) brach 1916 in Zürich an, wo Huelsenbeck bei der Geburtsstunde der Dada-Bewegung Pate stand. Hugo Ball hatte ihn dorthin gerufen. Ball hatte gerade in der »Spiegelgasse Nr. 1« das legendäre »Cabaret Voltaire« eröffnet. In Balls Tagebuch heißt es: »Huelsenbeck ist angekommen. Er plädiert dafür, dass man den Rhythmus verstärkt… Er möchte die Literatur in Grund und Boden trommeln.« In der Collection Dada erschien mit »Schalaben-schalabai-schalamezomai« ein wegweisendes Gedicht, dem im September die »Phantastischen Gebete« folgten, die Huelsenbecks Nachruhm wesentlich mitbegründeten. Ein einmaliges, ein revolutionäres Ereignis: Eine Gruppe aufgewühlter, extremer Idealisten schwang sich zu unerhörter Geistesfreiheit auf. Sie verkündete nichts weniger als den Beginn einer neuen Kunst, einer Kunst, die sich gegen den Expressionismus wandte, gegen das Establishment, gegen alles und nichts, gegen den »Bürger um und in uns«. Für Huelsenbeck war die »Zeit der Vitalität, der ungebundenen Frechheit, der uferlosen Ironie« angebrochen. Vor allem wollte man provozieren. Bei einer Vorstellung im »wilden, rauchigen und seltsamen« »Cabaret Voltaire« brüllte Huelsenbeck seine »Phantastischen Gebete« »mit voller Lungenkraft« heraus, »mehr Marktschreier als Vortragender«. Die Dada-Bewegung war jedoch mehr als Nonsens, mehr als Jux oder purer Übermut. »Der Dadaismus … war eine Revolte der von vielen Seiten bedrängten Persönlichkeit. Es war der Aufstand gegen die drohende Vermassung, Verdummung, Zerstörung. Es war der Notschrei der schöpferischen Menschen gegen die Banalität…« (Huelsenbeck) Zugleich war Dada auch ein Aufschrei und ein Angstschrei. Man befand sich mitten im ersten Weltkrieg und war vom apokalyptischen Gefühl der Lebensangst befallen. Das »Cabaret Voltaire« mußte bald seine Pforten schließen. Huelsenbeck zog es wieder nach Berlin, wo er die Rolle des »Trommlers« spielte. Er gründete den »Club Dada« und veranstaltete den ersten großen Dada-Abend in Deutschland. Bald darauf ging er auf die erste bedeutende Dada-Tournee, die unter anderem nach Leipzig, Prag und Teplitz führte. Ihren Todesstoß erhielt die Bewegung 1924, als das erste surrealistische Manifest erschien. Huelsenbeck: »Die Idee der kreativen Irrationalität und die Idee des schöpferischen Spiels waren am Ende.« Bereits 1920 hatte er »Dada siegt! Eine Bilanz des Dadaismus« sowie »En avant Dada: Eine Geschichte des Dadaismus« und »Deutschland muß untergehen: Erinnerungen eines alten dadaistischen Revolutionärs« publiziert. Auch später war er ein maßgeblicher Dokumentarist der Bewegung. Einflussreich blieben seine Memoiren »Mit Witz, Licht und Grütze« (1957), die eine öffentliche Auseinandersetzung mit der »klassisch« gewordenen Avantgarde förderten. Er war ferner Herausgeber der bis heute maßgeblichen Anthologie »Dada: Eine literarische Dokumentation« (1964).
Tondokumente
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Der Weltweise audio/mpeg, 3 MB
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Ende der Welt audio/mpeg, 3 MB
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Dada-Schalmei audio/mpeg, 2 MB



