Adolf von Hatzfeld (1892-1957) ist im Kontinuum der westfälischen Literaturgeschichte ein Einzelgänger, der – nietzscheangehaucht – Dichtertum im originären Sinne verstand und verkörperte: Als Anhänger der »reinen Poesie« war für ihn der Prozess des Dichtens Lebensinhalt und so wichtig wie das Endprodukt, das Gedicht selbst. In der Verabsolutierung des Dichterberufs suchte und fand er seinen inneren Pol: »In der Stunde, da ich schreibe, ist nicht nur eine Welt da, es kreisen um mich Hunderte von Welten. Bis zu den fernsten Fernen, zu allen Schicksalen, die man berührte und von denen man geschlagen wurde, ist man verschlagen. Nicht ich dichte, es dichtet in mir…«Der Autor gehörte zu den größten Hoffnungen des deutschen Expressionismus und war »eine der originärsten Begabungen der Moderne in Westfalen« (D. Sudhoff). Den Anforderungen, die das Wilhelminische Kaiserreich an einen jungen Mann seines Standes richtete, nicht gewachsen, unternahm Hatzfeld 20-jährig einen Selbstmordversuch, bei dem er erblindete. Erst danach wandte er sich intensiv dem Schreiben zu. 1916 erschien sein erster, drei Jahre später sein zweiter Gedichtband. Diese Gedichte sind geprägt von einem ekstatisch-kosmischen Lebensgefühl, einer tiefen visuellen Sinnlichkeit und existentieller Lebenserfahrung. Zu Hatzfelds literarischen Vorbildern gehörten Hugo von Hofmannsthal, Stefan George und Rainer Maria Rilke, mit dem er befreundet war.Hatzfelds Prosawerk »Franziskus« bietet ein beklemmendes Protokoll seelischer Zerrüttung und innerer Vereinsamung. Die Veröffentlichung machte ihn über Nacht berühmt. Der Protagonist verkörpert das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Es war geprägt von der Auflehnung gegen bestehende Autoritäten, eine dionysische Weltsicht und pazifistische Ansätze. Der Folgeroman Die Lemminge von 1923 ist von den Münchener Revolutionswirren geprägt und gilt als Paradebeispiel für expressionistische Übersteigerung der Wirklichkeit. Spätere Werke Hatzfelds folgen realistischeren Formprinzipien. Hatzfelds »Gedichte des Landes« entstanden 1936, im selben Jahr, in dem der Autor in die NSDAP eintrat und an Gaukulturwochen mitwirkte, ohne jedoch unmittelbar als Parteigänger des Nationalsozialismus hervorzutreten.Im westfälischen Kontext ist Hatzfelds »Franziskus« neben Gustav Sacks »Der verbummelte Student« der bedeutendste Roman jener Zeit.
Tondokumente
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Franziskus audio/mpeg, 14 MB
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Franziskus audio/mpeg, 10 MB